Ljubo vor der Videoanalyse

Laptop, Beamer, Lineal und Bleistifte: Ljubomir Vranjes vor der Videoanalyse mit der Mannschaft.

Draußen scheint endlich die Frühlingssonne, drinnen im TSB-Sportlerheim sitzt Trainer Ljubomir Vranjes mir Mütze und dicker Jacke – ihm wird schnell kalt. Es ist 14 Uhr, in einer Stunde beginnt die Video-Analyse zusammen mit der Mannschaft. Aus eigenen Spielen gegen den HSV Handball und aus den letzten Spielen des HSV hat er wichtige Sequenzen zusammengestellt. Wie stark sieht er den HSV? “Die Hamburger sind in der gleichen Situation wie wir – es geht jetzt in jedem Spiel um sehr viel. Duvnjak ist natürlich ein wichtiger Mann, Bitter ist zurück, Lijewski kann wahrscheinlich spielen – das ist ohne Frage eine gute Mannschaft.”

Wie erklärt er sich die dauerhaften starken Leistungen von Domagoj Duvnjak – der hat die  letzte Saison fast durchgespielt, Olympia gespielt, die Saison auch mehr oder weniger durchgespielt, ist dabei konstant auf hohem Niveau? “Das ist etwas Besonderes. Nur wenige Spieler können das. Aber wer weiß, was in der nächsten Saison ist oder in der übernächsten? Vielleicht kommt eine schwere Verletzung? Ich wünsche ihm das natürlich nicht.”

Vranjes kontrolliert nochmal sein Handy, teilt dann ungewöhnliche “Verletzungssorgen” mit: Keine SMS von Weinhold und Karlsson, die wie Tobias Karlsson und Olafur Gustafsson auf Länderspielreise waren, bei denen man aber Blessuren vermuten konnte – alle Spieler sind fit. Alle? “Ja, alle. Petar Djordjic wird zum ersten Mal auf dem Spielberichtsbogen stehen. Er ist jetzt wirklich eine Alternative. Sören Rasmussen ist wieder gesund und auch Arnor Atlason trainiert wieder mit der Mannschaft. Maik Machulla ist jetzt endlich in der Mannschaft drinnen, nach seinen überstandenen Rückenproblemen und er hat in Berlin gut gespielt. Ich freue mich über die neuen Alternativen. Allerdings muss sich noch zeigen, dass das auch wirklich besser ist. Vielleicht ist es auch besser, weniger Alternativen zu haben. Aber erstmal finde ich das gut – wir brauchen jeden Spieler!”

Noch einen Satz zu Mattias Andersson. Er ist der Top-Mann im Moment schlechthin, die Paraden gegen Berlin machten auch TV-Kommentator Stefan Kretschmar sprachlos – befürchtet der Trainer, dass sein Torwart irgendwann in ein Leistungstief fallen könnte? “Nein, überhaupt nicht. Mattias hält doch seit vier Jahren so gut. Da muss man sich keine Sorgen machen glaube ich.”

Dann malt er mit buntem Lineal und Bleistift Handballfelder in ein kariertes Schulheft. Vielleicht Gedankenstützen für Abläufe im Hamburger Angriffsspiel. Das wirkt herrlich unaufgeregt. Jetzt sind es noch 40 Minuten bis zum Videostudium mit der Mannschaft. Die Jungs können kommen – und der HSV erst recht.

SG-Stimmen zur WM

Olafur Gustafsson: Der Halblinke ist mit Island im Achtelfinale knapp an Frankreich gescheitert. Dass Island insgesamt, und er insbesondere, eine gue WM gespielt haben, will er nicht hören. Er sei “dissappointed”, das Team und er wollten weiterkommen. Ja, es war zwar Pech, dass zum Beispiel Alexander Petterson sich verletzt hat, aber das solle sich nicht wie eine Entschuldigung anhören. Olafur ordnet die WM für sich als wichtige Erfahrung ein. Die Mischung aus Toren und Fehlern war seiner Meinung nach insgesamt “a good lesson” und das erste große internationale Turnier “a absolut positive experience.” Bei der Frage nach seiner Gesundheit, fällt Olafur schon ins Deutsch: “Viel besser!”

Holger Glandorf: Hat die Spiele nach Möglichkeit geguckt. Schrieb sich ein paar Nachrichten mit Steffen Weinhold, gratulierte ihm zu seinen Leistungen. “Ich fand Steffen hat das richtig gut gemacht. Schön, dass er seine gute Form aus Flensburg mit nach Spanien genommen hat.” Auch die deutsche Nationalmansnchaft insgesamt hat Holger überzeugt: “Ich finde man hat gesehen, dass man mit Einstelllung und Leidenschaft viel erreichen kann. Die Mannschaft ist auf einem richtig guten Weg.” Und auch auf die Frage, ob Nationalmannschaft und Glandorf wieder zueinander finden, hat er eine Antwort: “Ich hatte und habe viel Lust auf die Nationalmannschaft. Ich werde mich mit meinen Leistungen anbieten, der Bundestrainer entscheidet dann.”

Jakob Heinl: Er gehörte nur kurz zum Kreis der Nationalspieler. Guckt jemand, der derzeit nicht mehr berücksichtigt wird, vielleicht aus Frust gar nicht mehr hin, wenn die Nationalmannschaft spielt? “Natürlich guck’ ich! Und ich hoffe einfach, dass ich irgendwann wieder dabei bin!” Auch Jakob ist während der WM in Kontakt mit Steffen Weinhold geblieben, auch er findet, dass er “richtig gut gespielt” hat.

Ljubomir Vranjes: Für den Trainer hat die WM eine besondere Bedeutung. Das heutige Hallentraining verlegte er auf neun Uhr vor, damit er es rechtzeitig zum Flughafen schafft – das erste Halbfinale erlebt er schon live vor Ort in Spanien, bleibt übers Wochenende. Was genau macht er da? “Ja, was mache ich da? Ich werde arbeiten! Bei solchen Endspielen trifft sich ja die ganze Handballwelt, Menschen von allen möglichen Vereinen, auch Agenten oder Spielervermittler. Ich habe viele Kontakte, und dieses Netzwerk werde ich pflegen. Dabei geht es viel um die Zukunft der SG. Da denke ich langfristig, so auf 5 oder sechs Jahre bezogen. Aber mehr kann ich nicht sagen!”

Thomas Mogensen: Der Spielmacher zum Halbfinal-Abend mit dänischer Beteiligung. “Ich freue mich auf heute Abend. Dänemark gegen Kroatien – das wird ein Riesen-Handballspiel!” Vor den Kroaten hat er viel Respekt. “Das wird das mit Abstand schwerste Spiel für Dänemark bis jetzt. Die Kroaten haben eine gute Spielanlage, sind sehr schnell und das obwohl sie auch so eine starke Physis haben. Die sind richtig gut!” Seine Entscheidung, Pause von der Nationalannschaft zu machen bereut er nicht. Super sei es gewesen, mal drei Wochen frei zu haben, zu Kräften zu kommen, den Kopf frei zu bekommen und Zeit für die Familie zu haben.”Das war super!”, sagt er noch ein Mal. Und: “Es hat sich gelohnt – jetzt ist wieder viel Motivation da, jetzt kann ich wieder 110 Prozent geben. Und ich will immer alles geben.” Eine kleine Einschränkung hat er dann aber doch: “Wenn Dänemark im Finale steht, werde ich mich vielleicht über meine Entscheidung ärgern. Aber das ist nur ein Tag, gegenüber vielen, an denen sich das gut angefühlt hat.”

 

Ljubomir Vranjes: Trainer mit vielen Talenten

Koch, Kellner, Masseur und Fotograf – das Leben von Ljubomir Vranjes ist bunt und der Traum des Schweden bleibt das eigene Restaurant

Handewitt „Ich bin ein Genießer“, sagt Ljubomir Vranjes.  Wie bitte?  Das kann  nicht sein – werden sich Fans und Förderer der SG Flensburg-Handewitt sagen. Denn  sie kennen den erfolgreichen Trainer des amtierenden Vizemeisters ganz anders: Immer engagiert, immer in Aktion, immer bei der Arbeit – ob  beim Training, auf der Bank, nach dem Spiel im Gespräch mit Presse und Sponsoren. Für die Videoanalyse schiebt der Schwede  nach alledem noch viele Nachtschichten.

Cheftrainer wird zum  Chefkoch

Auch heute Abend wartet im abgedunkelten Arbeitszimmer von Ljubomir Vranjes Haus in Handewitt noch viel Arbeit. „Doch erstmal muss ich etwas essen, dafür hatte ich noch keine Zeit“, sagt der 39-Jährige – und ist damit gleich bei einem seiner Genuss-Hobbys angelangt. „Die professionelle Verarbeitung von guten Lebensmitteln fasziniert mich seit der Kindheit“, sagt Vranjes, während er fix und fachmännisch Salat zerkleinert, die  Gurke in feine Scheiben schneidet. Die Kochkünste – ob Fisch, Lamm oder Gegrilltes – des jungen Trainers gelten nicht nur bei der Mannschaft als legendär. „Wenn ich etwas mache, dann hundertprozentig.“  Diese Maxime scheint für alles zu gelten, was Vranjes anpackt. Als Jugendlicher besuchte er eine Restaurant-Schule, ließ sich zum Koch und Kellner ausbilden.

Prima  Ballerina

Doch der ehemalige Weltklasse-Spielmacher kann noch mit weiteren Berufen trumpfen. So  ging er auf Tuchfühlung gleich mit  einer ganzen Schar attraktiver Tänzerinnen – als Masseur für das Ballett-Ensemble  der  Göteborger Oper. „Die Waden waren jeden Abend verkrampft. Unglaublich, wie hart Profitänzer arbeiten müssen, was sie ihren Füßen antun“, weiß Vranjes. Auch viele Handballer sind nach ihrer Karriere nicht mehr  gesund. „Meine  Finger sind ziemlich kaputt“, gesteht der Ex-Profi. Davon ist beim Vierteln der Tomaten und Zerkleinern der Zwiebel   nichts zu merken. „Masseur war nicht  mein Ding, aber von diesen Kenntnissen profitiere ich heute sehr – aber natürlich würde ich meine Spieler  nicht mehr selbst massieren“, schmunzelt Vranjes.

“Kultur ist wichtig”

Die  Opernzeit hat ihn zum Kultur-Fan gemacht. „Ich gehe gerne in Konzerte. Ob Klassik, Jazz oder Rock,  mit meiner Frau probiere ich  alles aus.“ Wie vor  sechs Wochen, als er sich mit Maria und den Kindern Esther und  William einen  Hamburg-Tag mit dem Besuch des „Königs der Löwen“ gegönnt hat.  „Kultur ist wichtig, auch Sport ist für mich Kultur.  Ich habe große Achtung vor allen Menschen, die sich vor einem Publikum präsentieren“, sagt Vranjes, der nicht verstehen kann, warum so viele Menschen fast jeden Abend vor dem Fernseher hängen. „Dafür ist das Leben viel zu kurz. Wenn du eine Chance hast, mit anderen etwas Schönes zu erleben, dann  tue es!“ Auch solche Stunden sind für  den    Optimisten  Genuss und Luxus, am liebsten begleitet von  Musik und einem guten Wein. Gleiches gilt für  tiefes Durchatmen  am Meer und die Fotografie.

150 Prozent Hochzeitsfotograf

Professionell wirken  seine seit  1997 gemachten Aufnahmen, alle in Schwarz-Weiß. „So bekommen Bilder mehr Seele.“ Wann hat er das letzte Mal fotografiert? „Im Sommer, die Hochzeit von Anders Eggert – allerdings in Farbe.“    In der Saison bleibt für all’ diese Genüsse kaum Zeit. „Ich erwarte von den Spielern alles – dafür  will  und muss ich jeden Tag alles zurück geben.“ Und zwar nicht nur als Trainer. „Sobald ich die Halle verlasse, bin ich zu 150 Prozent auch als Freund und Berater da. Jeder Spieler kann mich nachts anrufen – und ich fahre  sofort los“, sagt Vranjes, der   immer merkt, wenn mit einem seiner Jungs etwas nicht stimmt. Diese Sensibilität und Emotionalität geht auf das serbische Blut zurück, das in seinen Adern fließt. „Auch mein Temperament ist nicht schwedisch, aber ich kann es zum Glück kontrollieren“, sagt der  dunkelhaarige  Skandinavier und  richtet dabei  das Dressing an.

Familienmensch

1969 gingen seine Eltern als Gastarbeiter von Serbien nach Schweden, 1973 wurde Vranjes geboren. Was macht Erfolg für ihn jenseits des Handballfelds aus? „Wenn ich morgens meine Frau und meine Kinder lächelnd in die Küche kommen sehe.“  Ihm ist bewusst, dass sein kompromissloser Einsatz für die SG nur funktioniert, weil seine Frau voll dahinter steht, vieles für die Familie regelt und oft allein ist. „Ich kann gar nicht genug Respekt vor Maria haben.

Ohne sie würde meine Welt zusammen brechen – und ich  finde meist nicht mal Zeit, um ihr dafür zu danken.“ Ehrlich und direkt   fällt diese Liebeserklärung aus. „Das  ist meine Art, die mir im Leben immer geholfen hat,  auch wenn Wahrheit unbequem sein kann“, betont Vranjes. Dann wird gegessen. Den Traum vom eigenen Restaurant hat er  noch immer.  „Dafür ist auch noch  Zeit“, sagt der Genießer.

Anja Werner

Vranjes in Zahlen:

Geburtstag: 3.10.1973 Geburtsort: Göteborg Größe: 1,66 m – Gewicht: 88 kg Familienstand: verheiratet mit Maria, zwei Kinder (William, Esther) Bisherige Vereine: Kortedala (bis 1989), Redbergslids Göteborg (1989-1999), BM Granollers (1999-2001), HSG Nordhorn (2001-2006) Bei der SG: seit 1. Juli 2006 Länderspiele: 164 für Schweden Sportliche Erfolge: Europacup der Pokalsieger 2012 (als Trainer), Weltmeister 1999, Europameister 1998, 2000 und 2002, fünf Mal schwedischer Meister, Olympia-Silber 2000 Hobbys: Fotografieren, Golf, Kochen Lieblingsgericht: Tapas Lieblingsgetränk: Wein Lieblingsmusik: U2