
Koch, Kellner, Masseur und Fotograf – das Leben von Ljubomir Vranjes ist bunt und der Traum des Schweden bleibt das eigene Restaurant
Handewitt „Ich bin ein Genießer“, sagt Ljubomir Vranjes. Wie bitte? Das kann nicht sein – werden sich Fans und Förderer der SG Flensburg-Handewitt sagen. Denn sie kennen den erfolgreichen Trainer des amtierenden Vizemeisters ganz anders: Immer engagiert, immer in Aktion, immer bei der Arbeit – ob beim Training, auf der Bank, nach dem Spiel im Gespräch mit Presse und Sponsoren. Für die Videoanalyse schiebt der Schwede nach alledem noch viele Nachtschichten.
Cheftrainer wird zum Chefkoch
Auch heute Abend wartet im abgedunkelten Arbeitszimmer von Ljubomir Vranjes Haus in Handewitt noch viel Arbeit. „Doch erstmal muss ich etwas essen, dafür hatte ich noch keine Zeit“, sagt der 39-Jährige – und ist damit gleich bei einem seiner Genuss-Hobbys angelangt. „Die professionelle Verarbeitung von guten Lebensmitteln fasziniert mich seit der Kindheit“, sagt Vranjes, während er fix und fachmännisch Salat zerkleinert, die Gurke in feine Scheiben schneidet. Die Kochkünste – ob Fisch, Lamm oder Gegrilltes – des jungen Trainers gelten nicht nur bei der Mannschaft als legendär. „Wenn ich etwas mache, dann hundertprozentig.“ Diese Maxime scheint für alles zu gelten, was Vranjes anpackt. Als Jugendlicher besuchte er eine Restaurant-Schule, ließ sich zum Koch und Kellner ausbilden.
Prima Ballerina
Doch der ehemalige Weltklasse-Spielmacher kann noch mit weiteren Berufen trumpfen. So ging er auf Tuchfühlung gleich mit einer ganzen Schar attraktiver Tänzerinnen – als Masseur für das Ballett-Ensemble der Göteborger Oper. „Die Waden waren jeden Abend verkrampft. Unglaublich, wie hart Profitänzer arbeiten müssen, was sie ihren Füßen antun“, weiß Vranjes. Auch viele Handballer sind nach ihrer Karriere nicht mehr gesund. „Meine Finger sind ziemlich kaputt“, gesteht der Ex-Profi. Davon ist beim Vierteln der Tomaten und Zerkleinern der Zwiebel nichts zu merken. „Masseur war nicht mein Ding, aber von diesen Kenntnissen profitiere ich heute sehr – aber natürlich würde ich meine Spieler nicht mehr selbst massieren“, schmunzelt Vranjes.
“Kultur ist wichtig”
Die Opernzeit hat ihn zum Kultur-Fan gemacht. „Ich gehe gerne in Konzerte. Ob Klassik, Jazz oder Rock, mit meiner Frau probiere ich alles aus.“ Wie vor sechs Wochen, als er sich mit Maria und den Kindern Esther und William einen Hamburg-Tag mit dem Besuch des „Königs der Löwen“ gegönnt hat. „Kultur ist wichtig, auch Sport ist für mich Kultur. Ich habe große Achtung vor allen Menschen, die sich vor einem Publikum präsentieren“, sagt Vranjes, der nicht verstehen kann, warum so viele Menschen fast jeden Abend vor dem Fernseher hängen. „Dafür ist das Leben viel zu kurz. Wenn du eine Chance hast, mit anderen etwas Schönes zu erleben, dann tue es!“ Auch solche Stunden sind für den Optimisten Genuss und Luxus, am liebsten begleitet von Musik und einem guten Wein. Gleiches gilt für tiefes Durchatmen am Meer und die Fotografie.
150 Prozent Hochzeitsfotograf
Professionell wirken seine seit 1997 gemachten Aufnahmen, alle in Schwarz-Weiß. „So bekommen Bilder mehr Seele.“ Wann hat er das letzte Mal fotografiert? „Im Sommer, die Hochzeit von Anders Eggert – allerdings in Farbe.“ In der Saison bleibt für all’ diese Genüsse kaum Zeit. „Ich erwarte von den Spielern alles – dafür will und muss ich jeden Tag alles zurück geben.“ Und zwar nicht nur als Trainer. „Sobald ich die Halle verlasse, bin ich zu 150 Prozent auch als Freund und Berater da. Jeder Spieler kann mich nachts anrufen – und ich fahre sofort los“, sagt Vranjes, der immer merkt, wenn mit einem seiner Jungs etwas nicht stimmt. Diese Sensibilität und Emotionalität geht auf das serbische Blut zurück, das in seinen Adern fließt. „Auch mein Temperament ist nicht schwedisch, aber ich kann es zum Glück kontrollieren“, sagt der dunkelhaarige Skandinavier und richtet dabei das Dressing an.
Familienmensch
1969 gingen seine Eltern als Gastarbeiter von Serbien nach Schweden, 1973 wurde Vranjes geboren. Was macht Erfolg für ihn jenseits des Handballfelds aus? „Wenn ich morgens meine Frau und meine Kinder lächelnd in die Küche kommen sehe.“ Ihm ist bewusst, dass sein kompromissloser Einsatz für die SG nur funktioniert, weil seine Frau voll dahinter steht, vieles für die Familie regelt und oft allein ist. „Ich kann gar nicht genug Respekt vor Maria haben.
Ohne sie würde meine Welt zusammen brechen – und ich finde meist nicht mal Zeit, um ihr dafür zu danken.“ Ehrlich und direkt fällt diese Liebeserklärung aus. „Das ist meine Art, die mir im Leben immer geholfen hat, auch wenn Wahrheit unbequem sein kann“, betont Vranjes. Dann wird gegessen. Den Traum vom eigenen Restaurant hat er noch immer. „Dafür ist auch noch Zeit“, sagt der Genießer.
Anja Werner
Vranjes in Zahlen:
Geburtstag: 3.10.1973 Geburtsort: Göteborg Größe: 1,66 m – Gewicht: 88 kg Familienstand: verheiratet mit Maria, zwei Kinder (William, Esther) Bisherige Vereine: Kortedala (bis 1989), Redbergslids Göteborg (1989-1999), BM Granollers (1999-2001), HSG Nordhorn (2001-2006) Bei der SG: seit 1. Juli 2006 Länderspiele: 164 für Schweden Sportliche Erfolge: Europacup der Pokalsieger 2012 (als Trainer), Weltmeister 1999, Europameister 1998, 2000 und 2002, fünf Mal schwedischer Meister, Olympia-Silber 2000 Hobbys: Fotografieren, Golf, Kochen Lieblingsgericht: Tapas Lieblingsgetränk: Wein Lieblingsmusik: U2