30 Jahre für die SG an der Kamera

Der Mann mit der Kamera: Seit 1983 hat Karl-August Engelsen nur zwei Heimspiele der SG verpasst.

handewitt Er ist so tief mit der SG verwurzelt wie kaum ein anderer, und dennoch kennen viele nicht sein Gesicht. Seit bald 30 Jahren ist Karl-August Engelsen der Video-Mann der SG Flensburg-Handewitt, ohne den kein Spiel möglich wäre. „Kaum zu fassen, mir kommt es viel kürzer vor“, sagt der 51-Jährige, dessen Platz bei jedem Heimspiel in der äußersten Loge ist,  inklusive Kamera und Technikkoffer. Die meisten Stunden für die SG verbringt der sympathische Familienmensch aber zuhause.  Wie viele tausend Stunden Handball in seinem Arbeitszimmer und auf dem Boden lagern, kann Engelsen nicht mal schätzen. Aber er weiß noch genau, wie alles anfing. Im November 1983 kam Peter Rickertsen, Trainer der damaligen SG Weiche-Handewitt, zu seinem Nachbarn Karl-August Engelsen auf den Hof, um Eier zu holen. Beim Klönschnack  erfuhr der Lehrer, dass der Landwirt eine Videokamera besaß. „Kannst du nicht unsere Spiele zur Analyse aufnehmen?“, fragte Rickertsen. Engelsen stimmte zu – und hat seitdem nur zwei Heimspiele der SG verpasst. „Damals dachte ich mir, die halten sich nicht lange oben – doch da habe ich mich gründlich geirrt.“ Bereut hat der Technik-Experte seine Zusage aber nie, obwohl der Spielplan seit drei Jahrzehnten den privaten Kalender  diktiert. Geburtstag feiern, wenn ein Heimspiel ansteht – undenkbar! Acht bis zehn Stunden dauert heute  das Sichten und Schneiden für die Vorbereitung eines Spieles. Dafür stellt Engelsen aus drei bis vier Spielen des Gegners die entscheidenden Szenen in einer Länge von 50 bis 60 Minuten zusammen. Woher weiß er, welche die entscheidenden sind? „Das spreche ich mit dem Trainer ab, mit Ljubomir Vranjes verstehe ich mich fast blind“, sagt Engelsen.  „Mein Mann kann durch seine Erfahrung ein Spiel lesen“, sagt Ehefrau Marlies. Doch über seine Fachkenntnisse und seinen einzigartigen Einsatz für die SG spricht Engelsen selbst nie. Es komme auf die Ziele, das Team und die besondere Aura an, die von der SG ausgeht. „Dafür sein Bestes zu geben, ist selbstverständlich.“ Gerne erfüllt Engelsen  auch  Sonderwünsche von einzelnen Spielern,  oft von Torwart Mattias Andersson. Am PC sitzt der Vater zweier großer Kinder meistens nachts, denn die Videoarbeit war und ist ein Hobby. „Es kommt schon vor, dass es vom Schneidetisch morgens direkt zur Arbeit geht“, sagt der Hauruper. Der schönste Lohn dafür ist die Anerkennung, die Nähe zur Mannschaft. Der Video-Mann war  oft auswärts  dabei, hat viele private Feiern der Spieler, Trainer und Funktionäre gefilmt.   „Die SG ist eine Familie,  es ist wunderbar, ein Teil davon zu sein“, sagt Marlies Engelsen, die bei jedem Spiel hinter ihrem Mann und der Kamera steht. Unterschiedlichste Spieler- und Trainertypen hat Engelsen kommen und gehen sehen.   Zum Haus von  Kent-Harry Andersson hatte er sogar einen Schlüssel,  um Filmmaterial jederzeit vorbei bringen zu können. „Nachbarn haben mich  schon für das Verhältnis der Trainerfrau gehalten, da ich immer kam, wenn das Auto des Hausherren fort war“, schmunzelt Engelsen. Tausende Handballspiele und  tausende Erinnerungen  zählen zum Erfahrungsschatz des 51-Jährigen. Heute gibt es eine Datenbank, auf die alle Clubs ihre Heimspiele zum Runterladen stellen. Früher war das Beschaffen der Videos von Spionage und Sabotage begleitet. In diesen Zeiten verbrachte Karl-August Engelsen seine Arbeitstage im Stall und auf der Weide. Doch vor drei Jahren musste er die  Milchviehhaltung aufgeben – ein schwerer Schlag für den leidenschaftlichen Landwirt. Heute freut er sich über seinen neuen Job, im Labor des SG-Sponsors Nordschrott.  Was wünscht sich der Videomann für  seine SG? „Dieses Team muss seit 30 Jahren  viel von dem, was sich andere Clubs kaufen können, mit Kreativität und Leidenschaft wettmachen. Gerade das macht die Begeisterungsfähigkeit dieser Mannschaft aus. Ich wünsche mir, dass das so bleibt.“

Anja Werner