Vertreter, Bademeister, Krankenschwester – der Fanclub „Hölle Nord“ besteht aus einer guten Mischung – davon kann ich mich bei der Fahrt zum Auswärtsspiel beim THW Kiel überzeugen.
Es ist eine Mischung, die den gut gefüllten Reisebus auf der Fahrt in die Landeshauptstadt immer mehr zum Kochen bringt. Tarp, Schleswig, Rendsburg werden passiert, mit einen kurzen Stop in den Hüttener Bergen, und nach und nach werden die Schlachtrufe und Gesänge immer lauter. Bis der Bus in KIel fast zu platzen droht.
Durch die Reihe der Feiernden und gegen die Schwankungen des Busses an - oder sind es schon die eigenen - kämpfen sich ”Frau Sahne” und “Alexej”, sie sammeln die Ergebnistipps der Mitreisenden ein. Interessant: Vor und nach dem Spiel werden die Chancen der SG realistisch eingeschätzt. Tenor: Dass beim THW wenig und bei der SG alles klappen müsste, damit es für einen Sieg reicht (reicht es am Ende ja bekanntermaßen nicht, das Spiel geht mit 33:27 an den THW). Tippen tun allerdings fast alle auf einen SG-Sieg: 33:27, 32:30, 29:28 – träumen wird ja wohl erlaubt sein. Ansonsten bleibt die Aussicht auf die Revanche: “Dann eben am zweiten Weihnachtstag – da schießen wir die aus der Halle!”
Gesprächsstoff, Lesestoff, Bölkstoff
Nicht nur Handball verbindet SG-Spieler und SG-Fans: Den Bericht über den Angler Lars Kaufmann hat Michael geradezu verschlungen. Er ist selbst Angler und fragt sich jetzt, wo es die Dorsche gibt, mit denen der Profi lange ringen muss. “Das müssen ja ganz schöne Dinger sein, so dicke Arme, wie Lars hat!” Und auch das Campusbad ist Thema auf der Fahrt. Für Florian hängt daran die eigene berufliche Existenz. Wie es weitergeht, weiß er andere genauswenig, wie andere: “Von unserem Chef hören wir nichts, ich weiß auch nur dass, was bei euch in der Zeitung steht.”
Bemerkenswert: Auf der Fahrt wird, selbst im größten Trubel, gelesen. Und zwar ein Roman, nicht die Handballwoche oder etwas in die Richtung, um sich auf das Spiel vorzubereiten. Gerd sagt: „Ich lese was Seichtes, zum Entspannen. Alkohol und das ganze Gegröle hier brauche ich nicht.“ Kassenwartin Claudia, genannt “Strähne”, sieht das ähnlich, für viele andere gehören alkoholische Getränke aus großen und kleinen Flaschen mit Bügeln oder Verschlüssen, die man sich lustig auf die Nase setzen könnte. Bei der Verpflegung zeigen sich übrigens Flensburger Unternehmen spendabel: Bier und bei längeren Fahrten auch Würste und Kleinigkeiten steuern Flensburger Unternehmen bei
“Fremdgehen”, trommeln und Polizei
Ebenso exotisch wie die Leseratte: Sandra, die es sich nehmen lässt, ihr Fan-Herz zu teilen: Kaum in der Halle, gehört ihr schon ein THW-Kalender, wartet sie zusammen mit Gabi auf Möglichkeiten, ihn mit Autogrammen von Zeitz, Klein und Narcisse verzieren zu lassen.
Dann wandert die “Hölle” in den Himmel: Der Gästeblock ist im vierten Rang, unter dem Hallendach. Spieler und Spielfeld sind weit weg. Das heißt: Heute gibt es keine Autogramme, das, erklärt mir “Die Nanny” geht in kleinen Hallen besser. Dann ist man nach Spielende schnell am Spielfeld und bei den Spielern, zum Beispiel in Hannover. Die Entfernung bedeutet aber auch: Noch lauter tröten, trommeln und schreien, damit bei den Spielern überhaupt etwas ankommt. Und das alles umringt von der Übermacht an THW-Fans, unter den Augen diverser Polizisten und unter den liebvollen Fittichen des sanften Riesen, dem Vorsitzenden und Chef-Trommlers Karsten. Dessen T-Shirt ziert ein kleiner Seitenhieb in Richtung THW: “Alles nur gekauft”, steht in großen, gelben Neon-Buchstaben darauf. Das Fragezeichen dahinter ist auch neon. Aber ganz klein.
Freundschaften, Liebe und ein Volltreffer
Apropos liebevoll: Die Herzlichkeit mit denen sich alle auf der Flensburger Exe, dem Treffpunkt und Abfahrtasort des Busses, begrüßen, und dann im Bus, vor und in der Sparkassenarena zusammen mit den anderen Fanclubs miteinander singen, feiern und die SG anfeuern ist eindfrucksvoll. Hier werden Freundschaften von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen gelebt, die sich in der Campushalle, auf einer Fahrt wie dieser oder bei der Arbeit oder als Nachbarn kennengelernt haben. Manche fahren nur gelegentlich mit, aber viele schaffen es regelmäßig zu den Auswärtspielen, fahren stundenlang durchs Land und durch Europa, mit Hotelübernachtung und allem Pipapo – Respekt!
Kassenwartin Claudia gibt allerdings zu, dass ihre Handallleidenschaft nicht besonders weit reicht, das sie mitfährt sei eine Ausnahme. Aber dann trifft sie noch den Nagel auf den Kopf: „Handball im Fernsehen ist doch langweilig, aber in der Halle ist das was ganz anderes, da finde ich das richtig spannend.“ Und dem kann man ja nur zustimmen.
Gemeinschaft, Tüte, Härte-Test
Zusammen wird während und noch lange nach dem Spiel geflucht und gefeiert, man liegt sich in den Armen, es gilt das, was auch für die Mannschaft gilt: Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Und als einer auf der Rückfahrt eine Tüte braucht, wird ihm natürlich geholfen und nicht gelästert. Ein anderer kleiner Unfall: “Pascha”, der von seinem Aussehen ein bisschen an Joko von „Joko & Claas“ erinnert, und der vor und während des Spiels alles – und noch ein bisschen mehr - gegeben hat, muss nach dem Spiel einsehen, übertrieben zu haben: Vor lauter Ärger über vergeben SG-Chancen, Schiedsrichterentscheidungen und THW-Tore testet er die Qualität des Betons, der beim Bau der Ostseehalle, heute Sparkassen-Arena, verwendet wurde.
Das wenig überraschende Ergebnis: Er ist stabiler als seine Faust. Aber auch für diese Situation gilt: Vertreter, Bademeister, Krankenschwester – die Fans von der „Hölle Nord“ sind eine gute Mischung.
Bildergalerie: Fahrt zum Auswärtsspiel beim THW Kiel
PS: Wer möchte, darf bei der „Hölle Nord“ jederzeit gerne als Gast mitfahren. Anfragen unter 0461/50909770 bei Karsten. E-Mail: info@hoellenord.com. www.hoellenord.com
Ich kann so eine Fan-Reise nur empfehlen!
Steffen Kahl






























