Man of the Match: Holger Glandorf

Offensiv und defensiv “Mister Zuverlässig”: Holger Glandorf.

Auf Holger war Verlass. Nein, auf Holger ist Verlass. Seit zwei Jahren nun fast. Egal ob Holger Glandorf gerade im engeren Sinne Nationalspieler ist oder nicht, ob er sich aus einem sportlichen Tief – wie bei seinem vorherigen Verein Lemgo – oder aus einer Verletzungspause - während der auch das Karriereende im Raum stand -zurückkämpfen muss: Holger gibt hundert Prozent für die SG Flensburg-Handewitt. Mit begeisterndem Erfolg. Neun Mal konnte man sich zuletzt beim Spiel der SG gegen Velenje, in dem in der zweiten Halbzeit auch ein Ausscheiden aus der Championsleague realistische Züge annahm, über seine Offensivaktionen jubeln: Schnelle Bewegungen im Zweikampf, im Sprung und beim Wurf mit den vielzitierten langen Hebeln. Immer wieder ging ein Raunen gefolgt von einem Sturm der Bewunderung durch die Flens-Arena, wenn seine harten Würfe aus zehn Metern in den Winkel krachten, ihren Weg über den Innenpfosten ins Tor oder per Aufsetzer am Torwart vorbei fanden. Neun Mal ist Holger mit weit ausgestreckten Armen, geballten Fäusten und Freudenschreien zurück in die eigene Hälfte gerast, um sofort wieder in der Abwehr seinen Mann zu stehen.

Als es brenzlig wurde, zog Holger so den Championsleague-Karren so aus dem Dreck. Holger ist zuverlässig, Holger begeistert, Holger ist Flensburg. Und ganz nebenbei ist er auch unser Man of the Match.

Steffen Kahl

 

 

 

SG-Stimmen zur WM

Olafur Gustafsson: Der Halblinke ist mit Island im Achtelfinale knapp an Frankreich gescheitert. Dass Island insgesamt, und er insbesondere, eine gue WM gespielt haben, will er nicht hören. Er sei “dissappointed”, das Team und er wollten weiterkommen. Ja, es war zwar Pech, dass zum Beispiel Alexander Petterson sich verletzt hat, aber das solle sich nicht wie eine Entschuldigung anhören. Olafur ordnet die WM für sich als wichtige Erfahrung ein. Die Mischung aus Toren und Fehlern war seiner Meinung nach insgesamt “a good lesson” und das erste große internationale Turnier “a absolut positive experience.” Bei der Frage nach seiner Gesundheit, fällt Olafur schon ins Deutsch: “Viel besser!”

Holger Glandorf: Hat die Spiele nach Möglichkeit geguckt. Schrieb sich ein paar Nachrichten mit Steffen Weinhold, gratulierte ihm zu seinen Leistungen. “Ich fand Steffen hat das richtig gut gemacht. Schön, dass er seine gute Form aus Flensburg mit nach Spanien genommen hat.” Auch die deutsche Nationalmansnchaft insgesamt hat Holger überzeugt: “Ich finde man hat gesehen, dass man mit Einstelllung und Leidenschaft viel erreichen kann. Die Mannschaft ist auf einem richtig guten Weg.” Und auch auf die Frage, ob Nationalmannschaft und Glandorf wieder zueinander finden, hat er eine Antwort: “Ich hatte und habe viel Lust auf die Nationalmannschaft. Ich werde mich mit meinen Leistungen anbieten, der Bundestrainer entscheidet dann.”

Jakob Heinl: Er gehörte nur kurz zum Kreis der Nationalspieler. Guckt jemand, der derzeit nicht mehr berücksichtigt wird, vielleicht aus Frust gar nicht mehr hin, wenn die Nationalmannschaft spielt? “Natürlich guck’ ich! Und ich hoffe einfach, dass ich irgendwann wieder dabei bin!” Auch Jakob ist während der WM in Kontakt mit Steffen Weinhold geblieben, auch er findet, dass er “richtig gut gespielt” hat.

Ljubomir Vranjes: Für den Trainer hat die WM eine besondere Bedeutung. Das heutige Hallentraining verlegte er auf neun Uhr vor, damit er es rechtzeitig zum Flughafen schafft – das erste Halbfinale erlebt er schon live vor Ort in Spanien, bleibt übers Wochenende. Was genau macht er da? “Ja, was mache ich da? Ich werde arbeiten! Bei solchen Endspielen trifft sich ja die ganze Handballwelt, Menschen von allen möglichen Vereinen, auch Agenten oder Spielervermittler. Ich habe viele Kontakte, und dieses Netzwerk werde ich pflegen. Dabei geht es viel um die Zukunft der SG. Da denke ich langfristig, so auf 5 oder sechs Jahre bezogen. Aber mehr kann ich nicht sagen!”

Thomas Mogensen: Der Spielmacher zum Halbfinal-Abend mit dänischer Beteiligung. “Ich freue mich auf heute Abend. Dänemark gegen Kroatien – das wird ein Riesen-Handballspiel!” Vor den Kroaten hat er viel Respekt. “Das wird das mit Abstand schwerste Spiel für Dänemark bis jetzt. Die Kroaten haben eine gute Spielanlage, sind sehr schnell und das obwohl sie auch so eine starke Physis haben. Die sind richtig gut!” Seine Entscheidung, Pause von der Nationalannschaft zu machen bereut er nicht. Super sei es gewesen, mal drei Wochen frei zu haben, zu Kräften zu kommen, den Kopf frei zu bekommen und Zeit für die Familie zu haben.”Das war super!”, sagt er noch ein Mal. Und: “Es hat sich gelohnt – jetzt ist wieder viel Motivation da, jetzt kann ich wieder 110 Prozent geben. Und ich will immer alles geben.” Eine kleine Einschränkung hat er dann aber doch: “Wenn Dänemark im Finale steht, werde ich mich vielleicht über meine Entscheidung ärgern. Aber das ist nur ein Tag, gegenüber vielen, an denen sich das gut angefühlt hat.”

 

Verliebt in Flensburg

Holger Glandorf und seine Familie  haben ihre Heimat gefunden

timmersiek Mörderische  Spannung, menschliche Abgründe  und raffinierte Verbrechen lassen Holger Glandorf die Welt um sich herum vergessen. „Besonders fesselnd finde ich, wenn bis zum Ende offen bleibt, wer der Mörder ist“, sagt der große Fan von Krimis und Thrillern. Auch monumentale Historien-Wälzer wie Ken Folletts „Säulen der Erde“ knipsen das Kopfkino  des besten deutschen Linkshänders im Rückraum  an.  Bevorzugt auf langen Auswärtstouren,  denn im wohligen Zuhause in Timmersiek fehlt dafür meist die Ruhe. Erst recht, wenn Holger Glandorf über zwei Auswärtsspiele und fünf Tage am Stück nicht zuhause war. Dann nehmen die  kleinen Söhne Fynn und Lasse ihren Papa komplett in Beschlag, wollen spielen, Bücher schauen oder einfach auf dem Schoß kuscheln. Schon ein wenig anstrengend – besonders nach nur wenigen Stunden Schlaf. „Die Familie ist in meiner Freizeit nun mal das Wichtigste für mich – und ich soll als kleiner Junge auch nicht gerade unanstrengend gewesen sein“, sagt der Familienvater. „Schlimmer als unsere Beiden zusammen, sagt deine Mutter“, ergänzt Ehefrau Christin Glandorf.  Wie der Vater so die Söhne – das gilt auch sportlich.  „Bei uns haben alle Handball gespielt – mein Vater war ein sehr guter Feldhandballer“, erinnert sich  Glandorf, der mit den Eltern und seinem älteren Bruder in Osnabrück groß geworden ist. Auch Glandorfs „Großer“ brennt schon für den  Ballsport – und die SG. „Das ist Mattias,  da spielt Knudsen“, erkennt  der Vierjährige spontan beim Durchblättern eines Buches, das er noch nie  gesehen hat. Osnabrück ist nicht gerade eine Metropole, ebenso wenig wie Glandorfs langjährige Handball-Heimat Nordhorn oder Lemgo.  Auch an der dänischen Grenze hat er vor anderthalb  Jahren  ein ländliches Domizil bezogen. Ist er kein Stadtmensch? „Es hat sich nie ergeben, in einer Großstadt zu leben. Wir fühlen uns hier rund um wohl – in diesem Haus, in Flensburg und bei der SG.“ Ehefrau Christin bringt es auf den Punkt: „Wir sind Landeier“. Bodenständig zu sein und zu leben –  gerade diese Authentizität macht die besondere, herzliche  Ausstrahlung von Holger Glandorf aus, mit der er  schneller als jeder andere Neuling zum Symphatieträger der SG wurde.  Durch  Clubs ziehen, Design-Klamotten, Schmuck oder  auffällig gestylte Haare – das alles ist nicht sein Ding. „An einem Tag mit zwei

 

Trainingseinheiten ist ein Jogginganzug  am bequemsten. Ich putze mich aber  auch gerne mal heraus und gehe weg oder kaufe etwas Nettes zum Anziehen.“ Ganz alleine? „Ja, aber ich frage meine Frau schon, ob es ihr gefällt.“ Jeanshemden mag sie zum Bedauern des 1,95 Meter  großen  Athleten nicht. Wenig Freude bereitet Glandorf oft  der Schuhkauf. „In den Größen 47/48 ist die Auswahl überschaubar“, bedauert der  29-Jährige. Um den linken Fuß, genauer die linke Ferse Glandorfs hat im Frühjahr die  große SG-Familie mehr gebangt als um das Erreichen der Champions-League. Am Freitag, den 13. April, spitzte sich die Lage bis zu einer Notoperation dramatisch zu. Einer Spritze, die Glandorf  von einem Arzt der Nationalmannschaft in den Fuß gesetzt  worden war, folgten eine schwere Entzündung, mehrere Operationen und eine lange Zwangspause. „Ich bin ein großer Optimist, dennoch hatte ich großen Respekt vor dieser Verletzung“, erinnert sich  Glandorf an die Zeit, in der er viel zuhause sein musste.  „Die Nähe der Familie war sehr wichtig, die Jungs haben mich gut abgelenkt.“  Die schwere Zeit hatte auch ihr Gutes. „Es hat mich tief berührt, als ich auf Videos gesehen habe, dass die Fans in der Halle meinen Namen gerufen haben.“  Das   war für Glandorf die Bestätigung,  sich für den richtigen Verein entschieden zu haben. „Seitdem weiß ich,  wo ich zuhause bin“, betont der Linkshänder, der mit rechts schreibt.  „Das Beste für uns wäre, wenn wir  hier nicht mehr  weg gehen“, sagt der Fan spanischer Weine.   Auch nicht nach der Sportkarriere. Auf diese Zeit bereitet er sich   nun durch ein Sport-Management-Fernstudium vor. Auch Ehefrau Christin ist sich sicher: „Flensburg oder Nordhorn sind unsere Zukunft.“

Anja Werner