Die Verletzung von Arnór Atlason ist gerade 22 Stunden her. Ich treffe Dierk Schmäschke in der Geschäftsstelle der SG an der Schiffbrücke. Von hier aus versucht der Manager der SG alles, um gemeinsam mit dem Medical Team der SG Arnór die bestmögliche Genesung zu ermöglichen und der Mannschaft evtl. einen neuen Kollegen an die Seite zu stellen. Trotzdem hat er sich ein bisschen Zeit abgeknapst, beantwortet mir Fragen zur aktuellen Situation.
Herr Schmäschke, was war das erste, dass sie nach der Verletzung von Arnór Atlason gedacht haben?
„,So ein Mist!’ Arnor läuft, fällt hin – mir war im Prinzip sofort klar, dass das eine sehr schwere Verletzung ist. Ich hab ja schon sehr lange mit der Sportart Handball zu tun und das war jetzt der zweite oder dritte Achillessehnenriss, den ich ,live’ erlebt habe. Dann der Arzt und die Trage… und wenn ein Handballer vom Feld getragen wird, weiß man, dass es ernst ist… Arnor ist ein toller Handballer und Mensch, da leide ich mit. Ich wünsche ihm, dass er schnell wieder fit wird.“
Wie ging es dann weiter? Bei uns in der Zeitung war ja zu lesen, dass Sie gleich lostelefonieren wollten…
„Ganz so war es dann nicht. Aber ich habe aber sofort mit Trainer Ljubomir Vranjes zusammen angefangen zu überlegen, wer uns jetzt helfen könnte. Danach haben wir noch die halbe Nacht E-Mails hin- und hergeschickt und uns so weiter ausgetauscht.“
Arnor selbst war ja eine Verpflichtung aus der Not heraus für den verletzten Petar Djordjic. Was ist dieses Mal anders?
„Bei Arnor hatten wir das Glück, dass AG Kopenhagen gerade insolvent wurde und die Spieler sofort bei anderen Vereinen eingesetzt werden konnten. Ähnlich war es ja bekanntlich mit Florian von Gruchalla, der aus Schwerin zu uns kam, als Lasse Svan sich verletzte. Aber es geht ja nicht jeden Tag irgendwo ein Handballverein pleite. Deswegen ist die Situation jetzt schwieriger.“
Wie ist die Situation genau?
„Wir brauchen, um unser Niveau zu halten, einen Spieler, der sich in Sachen spielerische Qualität und Erfahrung auf allerhöchstem Niveau bewegt. Denken Sie daran, dass Djordjic super in Form war und sowohl Lars Kaufmann als auch Arnór Atlason gestandene Nationalspieler im linken Rückraum und in der Abwehr sind. Die Saison ist voll im Gange, da ist die Auswahl nicht so groß.“
Wie sieht die Suche denn genau aus?
„Es geht damit los, dass sich fast direkt nach dem Spiel die ersten Berater melden, die Spieler anbieten. Aber wir gehen eigentlich erstmal nicht über Berater, sondern nutzen die Kontakte, die wir selber haben. Es gibt auch Berater, die sehr konstruktiv im Sinne des Vereins und der Spieler mithelfen. Ljubomir ist super vernetzt, ich auch, der Verein insgesamt hat ja viel Tradition und entsprechendes Know-How. Letztlich haben wir schon mit Spielern und Vereinen in ganz Europa Kontakt aufgenommen oder zumindest Möglichkeiten durchgespielt..Das fängt in Estland an und hört in Spanien auf. Auch unsere Spieler denken und helfen mit, fragen uns, ob wir an Spieler XY schon gedacht haben oder der eine oder andere nicht helfen könnte. Parallel gibt es Beratungen mit dem Beirat, denn vielleicht müssen wir einen Spieler aus einem Vertrag rausholen. Da gibt es natürlich Schmerzgrenzen. Vielleicht läuft es aber auch auf einen Spieler hinaus, der seine Karriere nach der letzten Saison beendet hat, aber noch fit ist und sich ein Engagement für ein paar Monate noch mal vorstellen kann. Grundsätzlich bevorzugen wir perspektivische Ansätze. Jetzt im Moment haben wir verschiedene Lösungen im Kopf.“
Wie ernst ist denn die Lage?
„Ach, im Grunde ist es ja seit der Verletzung von Petar Djordjic schon schwierig. Mit seinen Toren hätte er uns in Wetzlar, Hannover und Kiel natürlich geholfen. Dann fällt Lars Kaufmann aus, Lasse Svan Hansen, Michael Knudsen sind angeschlagen, Florian von Gruchalla knickt auch nach ein paar Minuten in seinem ersten Spiel für die SG gleich um und jetzt Arnór Atlason. Die Lage ist im Moment sehr kritisch, ganz einfach. Am liebsten möchten wir uns mit solchen Themen aus Verletzungsgründen nicht während einer laufenden Saison beschäftigen. Aber das ist nun mal leider im Moment so!“
Sehen Sie Saisonziele gefährdet? Droht eine Saison ohne sportlichen Erfolg? Ab wann würden Sie von einer Saison sprechen, die sportlich nicht erfolgreich war?
„Also erstmal fand’ ich die Reaktion der Mannschaft toll. Sie müssen sich das vorstellen: Arnór liegt schwer verletzt in der Halbzeit in Hamburg in der Kabine und alle sagen sich: ‚Jetzt erst recht für Arnor !’ Es hat ja nicht gereicht, aber das ist die Einstellung, die uns jetzt helfen muss, die nächsten Spiele irgendwie zu gewinnen. Auch die Rückendeckung von Fans und Sponsorenbraucht die Mannschaft mehr denn je. Und dann gibt es ja vielleicht bald einen Spieler, der uns noch zusätzlich helfen kann. Viel weiter denke ich erstmal nicht. Ich denke, dass wir es schaffen können unseren Spiele-Marathon vor Weihnachten so zu überstehen, dass wir in der Bundesliga in Reichweite zu den Champions League-Plätzen bleiben, in der Champions League die Qualifikation für das Achtelfinale schaffen und im DHB-Pokal in die nächste Runde kommen, die dann im Februar gespielt wird.“
Wie würden sie das Ausmaß der aktuellen Verletzten-Misere einordnen?
„Grundsätzlich sehe ich einen starken Zusammenhang mit dem bekannten Thema Überbelastung. Die Spieler spielen insgesamt zu viel, sind müde und verletzen sich dann leichter, weil die Zeit zur Regeneration fehlt. So eine Häufung auf einer Position – das habe ich tatsächlich selten erlebt.“
Dann muss Dierk Schmäschke ans Telefon. Er ist verabredet mit einem Spieler. Oder auch mit einer der möglichen Lösungen.
Steffen Kahl
