„Ich will nochmal für die SG spielen“

Krankenbesuch bei Arnor in der Diako. Er liegt in kurzen Hosen im Bett, Ein Fuß nackt, der linke steckt in einem dicken Spezialschuh, der so groß ist wie ein Skischuh. Die Zehen gucken ein bisschen raus, man sieht viel rot – wohl getrocknete Flüssigkeit zur Desinfektion der Wunde von der Achillessehnen-Operation. Neben Arnor liegen das Flensburger Tageblatt, Flensborg Avis, die Sportbild und Euroman, ein dänisches Magazin.  Ein Tablet-PC und ein Handy sorgen für Kontakt zur Außenwelt. Krücken helfen bei den notwendigsten Gängen.

Ich habe das Einzelzimmer zusammen mit Dr. Lange betreten, der natürlich auch wissen möchte, wie es Arnor nach der OP geht. Arnor berichtet davon, dass die Nacht nicht gut war und hat dann ganz praktische Fragen: Wann er nach Hause darf, wie das dann mit dem Duschen ist, ob er laufen darf. Der Arzt empfiehlt ihm zu baden oder einen „Duschsack“ für den verletzten Fuß zu benutzen. Beim Gehen müsse er so vorsichtig sein, dass ein Keks über den er geht, nicht zerbröseln würde. Er sagt Arnor, dass er Freitag nach dem Frühstück nach Hause darf,  wünscht ihm gute Besserung und überlässt Arnor dann mir.

Arnor, wie geht es dir?

Ah, ganz gut! Die letzte Nacht, nach der Operation hatte ich große Schmerzen und konnte wenig schlafen, aber jetzt geht es schon wieder.

Und, ist es langweilig im Krankenhaus oder geht es?

Das geht. Meine Frau und meine Kinder waren fast die ganzen zwei Tage hier und mich haben auch ganz viele Leute angerufen. Außerdem hab ich viel zu lesen hier und mich rufen auch viele Leute an. Und dann war ja noch Fußball-Championsleague im Fernsehen.

Hast Du geguckt, bist Du Fan von einer Mannschaft?

Ja, beides. Ich bin Fan vom FC Arsenal, da lief ja leider nur eine Zusammenfassung, aber immerhin.

Und wer hat dich so angerufen – waren das auch Handballer, die man kennt?

Ja, klar! Fast die ganze isländische Nationalmannschaft hat angerufen, zum Beispiel Gudjon Valur Sigurdson und Aron Palmarson. Das sind auch gute Freunde von mir, wir haben uns hier in Flensburg und Kiel schon ein paar Mal getroffen. Aber auch die Jungs von der SG haben sich gemeldet. Das war ganz schön.

Bist Du jetzt nach der Verletzung sehr deprimiert oder geht das?

Ach, das ist schon schlimm. Ich finde es ganz schade, dass ich der Mannschaft jetzt lange nicht mehr helfen kann. Das ist ja eine ganz spannende Saison. Und ich habe mich hier bei der SG vom ersten Tag an sehr wohl gefühlt. Aber jetzt geht es für mich erstmal nur darum, gesund zu werden. Das wird eine schwere Zeit, aber ich habe eine tolle Frau und zwei gesunde Kinder – die werden mir da durch helfen.

Wie hast Du deine Verletzung denn selbst erlebt?

Ich hab sofort gewusst, was das war. Das war ein Gefühl, als wenn einer mich völlig weggrätscht. Aber es nutzt nichts, ich muss jetzt gut Reha machen. Mein großes Ziel ist schon jetzt, dass ich noch mal für die SG spiele.

Ist dir nach deinem Ausfall bange um die Mannschaft?

Nein. Der Verein ist so groß und die Mannschaft ist so gut, dass ich mir keine Sorgen mache. Man muss jetzt nur mehr zusammenrücken und die Mannschaft braucht die Fans noch mehr als sonst.

Wie findest Du die Atmosphäre in der Campushalle?

Die Halle in Flensburg ist mit die beste Halle in Europa, das ist bekannt. Als Spieler kannst Du dich nur freuen, da zu spielen. Du spürst die Fans, es ist ganz intensiv. Du merkst die Nähe. Und du merkst auch, in Gesprächen nach den Spielen, dass hier Handball eine Herzensangelegenheit ist und dass die Menschen richtig was von Handball verstehen.

Was hälst Du denn von Olafur Gustafsson, den die SG jetzt als Ersatz für dich verpflichtet hat?

Ja, ich kenne ihn seit der Vorbereitung auf Olympia im Sommer. Da hat er Riesenfortschritte gemacht und gezeigt, dass er ein guter Spieler ist, der internationale Klasse hat. Um ganz da hin zu kommen braucht er sicherlich noch Zeit, aber er kann das schaffen.

Eine Sache muss ich dich jetzt noch fragen: Wieso sprichst Du eigentlich so fließend Deutsch?

Naja, ich war ja vor sechs Jahren zwei Jahre beim SC Magdeburg. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich schon mal in Deutschland gelebt habe, als mein Vater hier Zweitligaspieler war. Mit zwei, drei Jahren habe ich da schon mal in Hameln gelebt – vielleicht ist da irgendwas in meinem Kopf angekommen, das mir das heute leichter macht!

Dann erzählt Arnor noch, dass ihm eine Sache im Krankenhaus doch fehlt: Zuhause würde er nämlich gerne die Footballübertragungen aus den USA sehen, da laufen an Thanksgiving immer drei Spiele, und die verpasst er. Das kann ich nicht verstehen.

Football ist doch total langweilig – zwei Sekunden Spiel – fünf Minuten Pause!

Nein, nein. Das ist nicht so. Das musst Du lernen zu genießen!

Steffen Kahl

Die Operation von Arnor

Dr. Thorsten Lange ist Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie in der Diako. Er ist ebenfalls ausgebildeter Sportmediziner. Am Mittwoch hat er die gerissene Achillessehne von Arnor Atlason operiert. Grund genug für mich, bei ihm mal nachzufragen, was es mit Achillessehnen so auf sich hat.

 

 

 

Dr. Lange, wie sieht ihr Alltag  aus – OP-technisch?

Das geht von bis – von ganz jung bis ganz alt. Von Kindern mit Knochenbrüchen, schwer verletzten Motorradfahrern, Sportverletzungen bis zu künstlichen Gelenken.

Und wie viele Achillessehen operieren Sie im Durchschnitt?

Unterschiedlich, aber diese Woche waren es drei. Im Grunde ist das also Routine.

Und wie reißt eine Achillessehne?

Die Verletzung ist typisch für Männer zwischen 30 und 50 Jahren. Und sie ist eine typische Sportverletzung. Zum Beispiel beim Badminton oder Tennis. Wenn ein Sportler plötzlich startet, lastet großer Druck auf der Sehne, weil sie das Gewicht und die Kraft aus dem ganzen Körper vom Bein auf den Fuß überträgt. Aber die Achillessehne ist ja auch die dickste und stärkste Sehne des Menschen. Sie kann so dick sein wie der Mittelfinger.

Und wenn sie reißt, dann knallt’s?

Ja, die Patienten berichten meist davon, dass es geknallt hat und dass sie das Gefühl hatten, als hätte sie jemand von hinten gegen das Bein getreten. Die drehen sich dann empört um und gucken, wer das war.

Wie war das bei Arnor? Er hat ja am linken Bein eine Bandage gehabt, als er sich verletzte – war da schon was kaputt?

Nein. Das war nur ein Kompressionsstrumpf. Den tragen viele Sportler, das ist gut gegen Ermüdung der Muskulatur. Das tragen zum Beispiel auch viele Fußballer unter ihren Stutzen oder Läufer.

Ok. Und Arnor geht es jetzt gut?

Ja, die Operation am Mittwoch ist gut verlaufen. Das heißt, die beiden Enden der Sehne ließen sich gut vernähen. Das ist zwar der Normalfall, aber deswegen noch lange nicht selbstverständlich.

Was genau machen Sie bei so einer Operation?

Wir machen einen kurzen Schnitt neben der Stelle, wo die Sehne gerissen ist. Da sehen wir dann, ob die Enden beieinander liegen, oder ob das obere Ende in Richtung Kniekehle geschnellt ist. Dann müssten wir noch einen längeren Schnitt machen. Zum Nähen gehen wir dann an mehreren Stellen durch die Haut. Weil die Sehne ausfranst wie ein Tau, das man durchschneidet, müssen wir die Fäden mit einer bestimmten Technik über mehrere Zentimeter mit der Sehne verbinden, auch deutlich von dem Riss entfernt. So bekommen die Fäden halt und wir können sie und die Sehnenstücke zusammen ziehen. Die Sehnenenden liegen dann aneinander und können zusammenwachsen. Die Operation dauert eine halbe Stunde.

Der SG-Manager Dierk Schmäschke hat nach der erneuten Verletzung von einem seiner Spieler einen Zusammenhang von hoher, auch zu hoher, Belastung von Handballern und ihren Verletzungen hergestellt. Wie stellt sich das für Sie bei Atlason dar?

Grundsätzlich ist die Achillessehne bei Start-Stop-Sportarten hoch belastet und deswegen gefährdet. Längere Pausen und Zeit für Regeneration schützen den Körper. Aber man kann nicht sagen, dass Arnors Verletzung nicht passiert wäre, wenn er vorher mal ein Spiel ausgesetzt hätte. Dennoch: Statistische Werte ergeben, dass solche Verletzung unter Sportlern, besonders Profisportlern, häufiger ist, als in der Bevölkerung insgesamt.

Und für Arnor heißt es jetzt abwarten und Tee trinken?

Fast. Der Fuß von Arnor steckt jetzt sechs Wochen in einem Spezialschuh. Da drin ist der Fuß in einer Position, damit die Sehne nicht belastet wird. Nach sechs Wochen sind die Enden zusammengewachsen und der Schuh kommt ab. Nach acht Wochen ist die Sehne wieder stabil. Wettkampffähig ist  ein Sportler in der Regel nach sechs Monaten wieder. Zum Vergleich: Ein „normaler Mensch“ ist nach drei Monaten wieder fit für seinen Alltag, kann stehen und gehen. Aber es gibt für Arnor natürlich eine spezielle Behandlung und Rehamaßnahmen.

Wann darf der Gute denn nach Hause, zu seiner Frau und seinen Kindern?

Das durfte er heute schon, nach dem Frühstück.

Steffen Kahl

„Wir haben Lösungen im Kopf“

Die Verletzung von Arnór Atlason ist gerade 22 Stunden her. Ich treffe Dierk Schmäschke in der Geschäftsstelle der SG an der Schiffbrücke. Von hier aus versucht der Manager der SG alles, um gemeinsam mit dem Medical Team der SG Arnór die bestmögliche Genesung zu ermöglichen und der Mannschaft evtl. einen neuen Kollegen an die Seite zu stellen. Trotzdem hat er sich ein bisschen Zeit abgeknapst, beantwortet mir Fragen zur aktuellen Situation.

Herr Schmäschke, was war das erste, dass sie nach der Verletzung von Arnór Atlason gedacht haben?

„,So ein Mist!’ Arnor läuft, fällt hin – mir war im Prinzip sofort klar, dass das eine sehr schwere Verletzung ist. Ich hab ja schon sehr lange mit der Sportart Handball zu tun und das war jetzt der zweite oder dritte Achillessehnenriss, den ich ,live’ erlebt habe. Dann der Arzt und die Trage… und wenn ein Handballer vom Feld getragen wird, weiß man, dass es ernst ist…  Arnor ist ein toller Handballer und Mensch, da leide ich mit. Ich wünsche ihm, dass er schnell wieder fit wird.“

Wie ging es dann weiter? Bei uns in der Zeitung war ja zu lesen, dass Sie gleich lostelefonieren wollten…

„Ganz so war es dann nicht. Aber ich habe aber sofort mit Trainer Ljubomir Vranjes zusammen angefangen zu überlegen, wer uns jetzt helfen könnte. Danach haben wir noch die halbe Nacht E-Mails hin- und hergeschickt und uns so weiter ausgetauscht.“

Arnor selbst war ja eine Verpflichtung aus der Not heraus für den verletzten Petar Djordjic. Was ist dieses Mal anders?

„Bei Arnor hatten wir das Glück, dass AG Kopenhagen gerade insolvent wurde und die Spieler sofort bei anderen Vereinen eingesetzt werden konnten. Ähnlich war es ja bekanntlich mit Florian von Gruchalla, der aus Schwerin zu uns kam, als Lasse Svan sich verletzte. Aber es geht ja nicht jeden Tag irgendwo ein Handballverein pleite. Deswegen ist die Situation jetzt schwieriger.“

Wie ist die Situation genau?

„Wir brauchen, um unser Niveau zu halten, einen Spieler, der sich in Sachen spielerische Qualität und Erfahrung auf allerhöchstem Niveau bewegt. Denken Sie daran, dass Djordjic super in Form war und sowohl Lars Kaufmann als auch Arnór Atlason gestandene Nationalspieler im linken Rückraum und in der Abwehr sind. Die Saison ist voll im Gange, da ist die Auswahl nicht so groß.“

Wie sieht die Suche denn genau aus?

„Es geht damit los, dass sich fast direkt nach dem Spiel die ersten Berater melden, die Spieler anbieten. Aber wir gehen eigentlich erstmal nicht über Berater, sondern nutzen die Kontakte, die wir selber haben. Es gibt auch Berater, die sehr konstruktiv im Sinne des Vereins und der Spieler mithelfen.  Ljubomir ist super vernetzt, ich auch, der Verein insgesamt hat ja viel Tradition und entsprechendes Know-How. Letztlich haben wir schon mit Spielern und Vereinen in ganz Europa Kontakt aufgenommen oder zumindest Möglichkeiten durchgespielt..Das fängt in Estland an und hört in Spanien auf. Auch unsere Spieler denken und helfen mit, fragen uns, ob wir an Spieler XY schon gedacht haben oder  der eine oder andere nicht helfen könnte. Parallel gibt es Beratungen mit dem Beirat, denn vielleicht müssen wir einen Spieler aus einem Vertrag rausholen. Da gibt es natürlich Schmerzgrenzen. Vielleicht läuft es aber auch auf einen Spieler hinaus, der seine Karriere nach der letzten Saison beendet hat, aber noch fit ist und sich ein Engagement für ein paar Monate noch mal vorstellen kann. Grundsätzlich bevorzugen wir perspektivische Ansätze. Jetzt im Moment haben wir  verschiedene Lösungen im Kopf.“

Wie ernst ist denn die Lage?

„Ach, im Grunde ist es ja seit der Verletzung von Petar Djordjic schon schwierig. Mit seinen Toren hätte er uns in Wetzlar, Hannover und Kiel natürlich geholfen. Dann fällt Lars Kaufmann aus, Lasse Svan Hansen, Michael Knudsen sind angeschlagen, Florian von Gruchalla knickt auch nach ein paar Minuten in seinem ersten Spiel für die SG gleich um und jetzt Arnór Atlason. Die Lage ist im Moment sehr kritisch, ganz einfach. Am liebsten möchten wir uns mit solchen Themen aus Verletzungsgründen nicht während einer laufenden Saison beschäftigen. Aber das ist nun mal leider im Moment so!“

Sehen Sie Saisonziele gefährdet? Droht eine Saison ohne sportlichen Erfolg? Ab wann würden Sie von einer Saison sprechen, die sportlich nicht erfolgreich war?

„Also erstmal fand’ ich die Reaktion der Mannschaft toll. Sie müssen sich das vorstellen: Arnór liegt schwer verletzt in der Halbzeit in Hamburg in der Kabine und  alle  sagen sich: ‚Jetzt erst recht für Arnor !’ Es hat ja nicht gereicht, aber das ist die Einstellung, die uns jetzt helfen muss, die nächsten Spiele irgendwie zu gewinnen. Auch die Rückendeckung von Fans und Sponsorenbraucht die Mannschaft mehr denn je. Und dann gibt es ja vielleicht bald einen Spieler, der uns noch zusätzlich helfen kann. Viel weiter denke ich erstmal nicht. Ich denke, dass wir es schaffen können unseren Spiele-Marathon vor Weihnachten so zu überstehen, dass wir in der Bundesliga in Reichweite zu den Champions League-Plätzen bleiben, in der Champions League die Qualifikation für das Achtelfinale schaffen und im DHB-Pokal in die nächste Runde kommen, die dann im Februar gespielt wird.“

Wie würden sie das Ausmaß der aktuellen Verletzten-Misere einordnen?

„Grundsätzlich sehe ich einen starken Zusammenhang mit dem bekannten Thema Überbelastung. Die Spieler spielen insgesamt zu viel, sind müde und verletzen sich dann leichter, weil die Zeit zur Regeneration fehlt. So eine Häufung auf einer Position – das habe ich tatsächlich selten erlebt.“

Dann muss Dierk Schmäschke ans Telefon. Er ist verabredet mit einem Spieler. Oder auch mit einer der möglichen Lösungen.

Steffen Kahl