„Ich weiß nicht, ob ich das schaffe“

Ich bin mit Morten Dibbert verabredet. In der Geschäftsstelle der SG Flensburg-Handewitt. Um 12 Uhr mittags. Und, ich sag mal so: Ich bin pünktlich. Deswegen sehe ich Morten dann auch irgendwann von oben durchs Fenster über die Straße rennen. Eine Minute später sitzen wir im Konferenzraum. Es kann losgehen.

Na Morten, war das ne lange Nacht?  

Oh, ja. Wir haben ja gestern in Gummersbach gespielt, und ich war erst um halb sechs im Bett.

So spät? Wie kommt das denn?

Na, wir sind noch recht lange dort gewesen. Viktor Szilagy hat uns besucht, da haben wir dann noch geschnackt.

Und, wie geht es Viktor?

Ganz gut! Sportlich läuft es bei seinem neuen Verein ja. Der Bergische HC ist auf dem ersten Platz in der zweiten Liga. Und Viktor sagt, dass er es ganz schön findet, dass er jetzt nicht mehr ganz so viele Spiele hat.

Okay, Viktor genießt also seinen Vorruhestand. Du freust dich über was ganz anderes, stimmt’s? Das war gestern dein erster Bundesligatreffer?

Ja, genau!

Und, jetzt bist Du fällig?

Genau. Ich muss ne Kiste Bier ausgeben.

Gab es die nicht gleich auf der Fahrt?

Nee, da krieg ich noch ein Zeichen von unserem Bierwart, wann das sein soll.

Wer ist euer Bierwart?

Das ist Maik Machulla.

Hast Du auch ein Amt?

Ja, ich bin DVD-Wart. Ich leih vor jeder Fahrt zehn DVDs aus und die können wir dann im Bus gucken.

Wie läuft denn so eine Fahrt? Was machst Du so? Und die anderen?

Also, ich sitz eigentlich immer mit Malte Voigt zusammen. Wir teilen uns auch die Hotelzimmer. Naja, wir schnacken halt, viele haben Laptops dabei, gucken dann DVDs, die gehen dann Reih’ rum, manche spielen Playstation, vor allem Fußball wird gezockt.

Und wer sind die Cracks?

Das weiß ich gar nicht. Ich spiel da nicht mit Bei mir is das mal so, mal so. Ich schlaf auch ganz gerne auf der Fahrt, aber es gibt nichts, was ich immer mache.

Wie is denn die Situation für dich im Moment? Ich meine, Du bist grad 21 geworden, bist seit ein paar Monaten Handballprofi, bist Rendsburger, kommst also aus der Region und ein Blick in unser Zeitungsarchiv zeigt, dass Du sowohl in deinen Jugendmannschaften von der HSG Schülp/Westerrönfeld, als auch in der zweiten Mannschaft der SG immer Führungsspieler warst. In Spielen um Nordostdeutsche Jugendmeisterschaften hast Du bis zu 21 Tore geworfen. Wie ist es, vom Leistungsträger zum Wasserträger zu werden?

Ha! Naja, das kann man vielleicht so sagen! Aber das stimmt, ich hatte in der Jugend diese Rolle und ich habe sie mir auch bei der Zweiten wieder erarbeitet. Aber ich hab auch überhaupt kein Problem damit, dass ich mich jetzt hinten einsortieren muss. Die SG Flensburg-Handewitt ist ja nicht irgendein Verein, sondern einer der besten Europas.

Und wie ist es, viel zu trainieren, aber fast gar nicht zu spielen?

Das ist eigentlich ganz lustig, weil ich weniger trainiere, als im letzten Jahr. Da habe ich bis zu dreimal am Tag trainiert, weil ich bei der Ersten und bei der Zweiten trainiert habe. Das ging auch nur ein halbes Jahr gut, dann hab ich gemerkt, dass das zu anstrengend wurde. Jetzt sind es maximal zwei Trainingseinheiten am Tag, je nachdem, wie wir spielen. Und ich darf ja spielen. Ich halte mich in jedem Spiel bereit. Man kann ja auch einen Spielverlauf einschätzen. Gummersbach zum Beispiel hat sich am Schluss ja kaum noch gewehrt, das Spiel war entscheiden. Das sind die Momente, wo ich weiß, dass Ljubomir Vranjes mir ein Zeichen geben kann, und dann hab ich noch eins, zwei Angriffe zum Vorbereiten und dann geht es los.

Du glaubst also, dass dich nicht das gleiche Schicksal ereilt wie Lars Bastian? Der Rechtsaußen gehörte im vergangenen Jahr ja auch in den Profikader, spielte aber  so gut wie gar nicht. Jetzt spielt er in der zweiten Liga bei Henstedt-Ulzburg.

Schwierig. Ich weiß nicht genau, wie das mit Lars war. Aber wenn ich das richtig mitbekommen habe, hatte Lars gesundheitliche Probleme, mit der Leiste. Er konnte sich deswegen nie richtig anbieten. Und dann ist der Profisport gnadenlos. Man sieht, dass es nur um Leistung geht, wie in einem Unternehmen.

Und Du hast keine gesundheitlichen Probleme?

Nein, bis jetzt nicht.  Und ich versuche mich zu präsentieren. Wofür das dann am Ende reicht, weiß ich nicht.

Wie wär’s mit einem Kreisläufer-Duo Heinl/Dibbert bei der SG, wenn Knudsen sich verabschiedet?

Ich hätte nichts dagegen! Aber vielleicht wird es für mich auch noch ein ganz anderer Verein – wir werden es sehen!

Wieso bist Du denn eigentlich inzwischen Kreisläufer, Du warst ja immer Rückraumspieler.

Das war erstmal Zufall. Letztes Jahr in der Vorbereitung musste ich da mal einspringen, und habe das wohl ganz ordentlich gemacht. Aber Ljubomir Vranjes hat mir auch gesagt, dass es für ganz oben im Rückraum einfach nicht reichen wird.

Woran liegt es?

Dafür bin ich leider einen Tick zu unbeweglich. Zu langsam auf den ersten ein, zwei Schritten.

Und am Kreis, wie läuft es da? Was musst Du noch lernen?

Tobias Karlsson spricht viel mit mir. Zum Beispiel wie man in der Abwehr am besten um den Kreisläufer rumkommt, um Anspiele zu verhindern. Im Angriff bekomme ich immer gesagt, dass ich mir mehr Zeit lassen soll, wenn ich den Ball habe. Nicht sofort abschließen, sondern hoch springen, den Ball lange halten und den Torwart ausgucken. Das ist auch schon besser geworden.

Und, machst  Du eigentlich noch eine Ausbildung oder bist Du jetzt nur noch Handballprofi?

Ich bin Student. Hier in Flensburg. Ich studiere Maschinenbau. Allerdings funktioniert das mit unseren Trainingszeiten gerade nicht, deswegen liegt das so ein bisschen auf Eis.

Und was ist sonst so bei dir los? Hobbies, Freundin…?

Ich treffe mich natürlich gerne mit Freunden und ich hab auch eine Freundin. Sie heißt Swantje. Wir sind seit vier Monaten  zusammen. Kennen gelernt haben wir uns in Sankt-Peter-Ording als Besucher der Kitesurf-Trophy. Kiten ist zum Beispiel eine Sache, die ich gerne ausprobieren würde. Aber bis jetzt hatte ich nicht die Zeit dazu. Es würde sich nicht lohnen, eine Ausrüstung anzuschaffen. Im Sommer bin ich ansonsten gerne am Strand, vor allem in Flensburg und Eckernförde, aber manchmal auch auf Sylt. Im Moment nutze ich freie Zeit auch gerne für zusätzliches Krafttraining. Ich will noch ein paar Kilo zulegen.

Du bist 1,95 Meter groß – welches Kampfgewicht schwebt dir vor?

100 Kilo. Oder 101.

 Steffen Kahl

„Ich will nochmal für die SG spielen“

Krankenbesuch bei Arnor in der Diako. Er liegt in kurzen Hosen im Bett, Ein Fuß nackt, der linke steckt in einem dicken Spezialschuh, der so groß ist wie ein Skischuh. Die Zehen gucken ein bisschen raus, man sieht viel rot – wohl getrocknete Flüssigkeit zur Desinfektion der Wunde von der Achillessehnen-Operation. Neben Arnor liegen das Flensburger Tageblatt, Flensborg Avis, die Sportbild und Euroman, ein dänisches Magazin.  Ein Tablet-PC und ein Handy sorgen für Kontakt zur Außenwelt. Krücken helfen bei den notwendigsten Gängen.

Ich habe das Einzelzimmer zusammen mit Dr. Lange betreten, der natürlich auch wissen möchte, wie es Arnor nach der OP geht. Arnor berichtet davon, dass die Nacht nicht gut war und hat dann ganz praktische Fragen: Wann er nach Hause darf, wie das dann mit dem Duschen ist, ob er laufen darf. Der Arzt empfiehlt ihm zu baden oder einen „Duschsack“ für den verletzten Fuß zu benutzen. Beim Gehen müsse er so vorsichtig sein, dass ein Keks über den er geht, nicht zerbröseln würde. Er sagt Arnor, dass er Freitag nach dem Frühstück nach Hause darf,  wünscht ihm gute Besserung und überlässt Arnor dann mir.

Arnor, wie geht es dir?

Ah, ganz gut! Die letzte Nacht, nach der Operation hatte ich große Schmerzen und konnte wenig schlafen, aber jetzt geht es schon wieder.

Und, ist es langweilig im Krankenhaus oder geht es?

Das geht. Meine Frau und meine Kinder waren fast die ganzen zwei Tage hier und mich haben auch ganz viele Leute angerufen. Außerdem hab ich viel zu lesen hier und mich rufen auch viele Leute an. Und dann war ja noch Fußball-Championsleague im Fernsehen.

Hast Du geguckt, bist Du Fan von einer Mannschaft?

Ja, beides. Ich bin Fan vom FC Arsenal, da lief ja leider nur eine Zusammenfassung, aber immerhin.

Und wer hat dich so angerufen – waren das auch Handballer, die man kennt?

Ja, klar! Fast die ganze isländische Nationalmannschaft hat angerufen, zum Beispiel Gudjon Valur Sigurdson und Aron Palmarson. Das sind auch gute Freunde von mir, wir haben uns hier in Flensburg und Kiel schon ein paar Mal getroffen. Aber auch die Jungs von der SG haben sich gemeldet. Das war ganz schön.

Bist Du jetzt nach der Verletzung sehr deprimiert oder geht das?

Ach, das ist schon schlimm. Ich finde es ganz schade, dass ich der Mannschaft jetzt lange nicht mehr helfen kann. Das ist ja eine ganz spannende Saison. Und ich habe mich hier bei der SG vom ersten Tag an sehr wohl gefühlt. Aber jetzt geht es für mich erstmal nur darum, gesund zu werden. Das wird eine schwere Zeit, aber ich habe eine tolle Frau und zwei gesunde Kinder – die werden mir da durch helfen.

Wie hast Du deine Verletzung denn selbst erlebt?

Ich hab sofort gewusst, was das war. Das war ein Gefühl, als wenn einer mich völlig weggrätscht. Aber es nutzt nichts, ich muss jetzt gut Reha machen. Mein großes Ziel ist schon jetzt, dass ich noch mal für die SG spiele.

Ist dir nach deinem Ausfall bange um die Mannschaft?

Nein. Der Verein ist so groß und die Mannschaft ist so gut, dass ich mir keine Sorgen mache. Man muss jetzt nur mehr zusammenrücken und die Mannschaft braucht die Fans noch mehr als sonst.

Wie findest Du die Atmosphäre in der Campushalle?

Die Halle in Flensburg ist mit die beste Halle in Europa, das ist bekannt. Als Spieler kannst Du dich nur freuen, da zu spielen. Du spürst die Fans, es ist ganz intensiv. Du merkst die Nähe. Und du merkst auch, in Gesprächen nach den Spielen, dass hier Handball eine Herzensangelegenheit ist und dass die Menschen richtig was von Handball verstehen.

Was hälst Du denn von Olafur Gustafsson, den die SG jetzt als Ersatz für dich verpflichtet hat?

Ja, ich kenne ihn seit der Vorbereitung auf Olympia im Sommer. Da hat er Riesenfortschritte gemacht und gezeigt, dass er ein guter Spieler ist, der internationale Klasse hat. Um ganz da hin zu kommen braucht er sicherlich noch Zeit, aber er kann das schaffen.

Eine Sache muss ich dich jetzt noch fragen: Wieso sprichst Du eigentlich so fließend Deutsch?

Naja, ich war ja vor sechs Jahren zwei Jahre beim SC Magdeburg. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich schon mal in Deutschland gelebt habe, als mein Vater hier Zweitligaspieler war. Mit zwei, drei Jahren habe ich da schon mal in Hameln gelebt – vielleicht ist da irgendwas in meinem Kopf angekommen, das mir das heute leichter macht!

Dann erzählt Arnor noch, dass ihm eine Sache im Krankenhaus doch fehlt: Zuhause würde er nämlich gerne die Footballübertragungen aus den USA sehen, da laufen an Thanksgiving immer drei Spiele, und die verpasst er. Das kann ich nicht verstehen.

Football ist doch total langweilig – zwei Sekunden Spiel – fünf Minuten Pause!

Nein, nein. Das ist nicht so. Das musst Du lernen zu genießen!

Steffen Kahl

Kaufmann und die dicken Fische

SG-Rückraumspieler tankt beim Angeln auf für den Kraft zehrenden Alltag in der Bundesliga und der Champions-League

glücksburg „Dieser Moment, wenn der Fisch beißt –  ein unbeschreiblicher Nervenkitzel“, sagt Lars Kaufmann. Ein Mann bleibt eben ein Mann, und am Jagdtrieb hat sich seit Urzeiten   wenig verändert. So erklärt sich der Modellathlet der SG Flensburg-Handewitt selbst seine große Leidenschaft fürs Angeln. Wie auf dem Spielfeld fordert Lars Kaufmann auch bei seinem Hobby von sich, alles zu geben, „den Kampf  anzunehmen, der nötig ist, um auch einen großen Fisch an Land zu ziehen“.  Schon ein kurzer Blick auf das fast zwei Meter große und über  100 Kilo schwere Kraftpaket macht deutlich, dass    es sich  um wahrlich kapitale Fänge handeln muss,  wenn dieser Kerl  denn kämpfen muss. In der Flensburger Förde sind Kaufmann  schon einige  prächtige Dorsche an den Haken gegangen. „Die filetiere ich deutlich besser, seit ich in Flensburg bin“, sagt der gebürtige Görlitzer. Am Angeln liebt der  30-Jährige auch die Ruhe und Naturverbundenheit,  durch die  er Energie tankt für den  Kraft zehrenden Alltag in Bundesliga, Champions-League und Länderspielen. „Wenn die Sonne aufgeht,   Nebelschwaden übers Wasser ziehen – solch wunderbare Augenblicke bleiben vielen verborgen“, sagt  der SG-Profi. Seinen athletischen Körper hat er sich in frühen Jahren hart  erarbeitet. Heute verbringt er aber nicht mehr Zeit als seine Team-Kollegen im Kraftraum.   „Ich achte auf mein  Aussehen und bin schon modebewusst“, sagt der blonde Hüne, der aber nicht auf sein Äußeres reduziert werden möchte. Denn   auf dem Spielfeld und im Alltag punktet er auch durch charakterliche  Vorzüge wie Teamgeist, Hilfsbereitschaft, Humor  und Ehrlichkeit. So gesteht Kaufmann: „Eigentlich darf ein Mann ja nicht zugeben, dass er romantisch ist, dennoch hatte ich einen Sommer mit einigen  Erlebnissen, die mir sehr zu Herzen gegangen sind.“ Gemeint ist die Hochzeit mit Anna-Lena – ganz in Weiß, mit einer großen Gesellschaft im märchenhaften Wasserschloss in Glücksburg. „Als wir aus der Kapelle kamen, strahlte auch die Sonne“, erinnert sich Kaufmann, der mit seinen Gästen nach der Trauung das  425 Jahre alte Schloss so „richtig gerockt“ hat. Seit es ihn vor  anderthalb Jahren von Göppingen nach Flensburg zog, hat sich noch weit mehr  getan im Leben des  Weltmeisters von 2007. Töchterchen Laurine kam zur Welt und führt seitdem zuhause das Kommando. „Die Spontaneität geht ziemlich verloren, dennoch ist sie unser Sonnenschein“, strahlt Lars Kaufmann. Für ihr Zuhause hat es die  Kaufmanns weder ins Handball-Dorf Handewitt noch in die große SG-Gemeinschaft Twedter Feld gezogen. Zunächst haben sie einen Traumblick auf die Förde in der Marina Sonwik genossen.  Den für ihr Kind gewünschten Garten gibt es nun in Glücksburg. „Wir wollten gerne in Wassernähe bleiben.“ Klar, schon wegen des Angelns. Dafür  streift der Natur verbundene junge Papa gerne  die rustikale Wathose über. Dafür ist Lars Kaufmann zusammen mit Jacob Heinl auch auf der Suche nach einem Motorboot. Es gibt also noch einen großen Angler im SG-Team? „Nein“, schmunzelt Kaufmann, „Jacob will auf dem Wasser chillen – und ich angeln.“

Anja Werner

Verliebt in Flensburg

Holger Glandorf und seine Familie  haben ihre Heimat gefunden

timmersiek Mörderische  Spannung, menschliche Abgründe  und raffinierte Verbrechen lassen Holger Glandorf die Welt um sich herum vergessen. „Besonders fesselnd finde ich, wenn bis zum Ende offen bleibt, wer der Mörder ist“, sagt der große Fan von Krimis und Thrillern. Auch monumentale Historien-Wälzer wie Ken Folletts „Säulen der Erde“ knipsen das Kopfkino  des besten deutschen Linkshänders im Rückraum  an.  Bevorzugt auf langen Auswärtstouren,  denn im wohligen Zuhause in Timmersiek fehlt dafür meist die Ruhe. Erst recht, wenn Holger Glandorf über zwei Auswärtsspiele und fünf Tage am Stück nicht zuhause war. Dann nehmen die  kleinen Söhne Fynn und Lasse ihren Papa komplett in Beschlag, wollen spielen, Bücher schauen oder einfach auf dem Schoß kuscheln. Schon ein wenig anstrengend – besonders nach nur wenigen Stunden Schlaf. „Die Familie ist in meiner Freizeit nun mal das Wichtigste für mich – und ich soll als kleiner Junge auch nicht gerade unanstrengend gewesen sein“, sagt der Familienvater. „Schlimmer als unsere Beiden zusammen, sagt deine Mutter“, ergänzt Ehefrau Christin Glandorf.  Wie der Vater so die Söhne – das gilt auch sportlich.  „Bei uns haben alle Handball gespielt – mein Vater war ein sehr guter Feldhandballer“, erinnert sich  Glandorf, der mit den Eltern und seinem älteren Bruder in Osnabrück groß geworden ist. Auch Glandorfs „Großer“ brennt schon für den  Ballsport – und die SG. „Das ist Mattias,  da spielt Knudsen“, erkennt  der Vierjährige spontan beim Durchblättern eines Buches, das er noch nie  gesehen hat. Osnabrück ist nicht gerade eine Metropole, ebenso wenig wie Glandorfs langjährige Handball-Heimat Nordhorn oder Lemgo.  Auch an der dänischen Grenze hat er vor anderthalb  Jahren  ein ländliches Domizil bezogen. Ist er kein Stadtmensch? „Es hat sich nie ergeben, in einer Großstadt zu leben. Wir fühlen uns hier rund um wohl – in diesem Haus, in Flensburg und bei der SG.“ Ehefrau Christin bringt es auf den Punkt: „Wir sind Landeier“. Bodenständig zu sein und zu leben –  gerade diese Authentizität macht die besondere, herzliche  Ausstrahlung von Holger Glandorf aus, mit der er  schneller als jeder andere Neuling zum Symphatieträger der SG wurde.  Durch  Clubs ziehen, Design-Klamotten, Schmuck oder  auffällig gestylte Haare – das alles ist nicht sein Ding. „An einem Tag mit zwei

 

Trainingseinheiten ist ein Jogginganzug  am bequemsten. Ich putze mich aber  auch gerne mal heraus und gehe weg oder kaufe etwas Nettes zum Anziehen.“ Ganz alleine? „Ja, aber ich frage meine Frau schon, ob es ihr gefällt.“ Jeanshemden mag sie zum Bedauern des 1,95 Meter  großen  Athleten nicht. Wenig Freude bereitet Glandorf oft  der Schuhkauf. „In den Größen 47/48 ist die Auswahl überschaubar“, bedauert der  29-Jährige. Um den linken Fuß, genauer die linke Ferse Glandorfs hat im Frühjahr die  große SG-Familie mehr gebangt als um das Erreichen der Champions-League. Am Freitag, den 13. April, spitzte sich die Lage bis zu einer Notoperation dramatisch zu. Einer Spritze, die Glandorf  von einem Arzt der Nationalmannschaft in den Fuß gesetzt  worden war, folgten eine schwere Entzündung, mehrere Operationen und eine lange Zwangspause. „Ich bin ein großer Optimist, dennoch hatte ich großen Respekt vor dieser Verletzung“, erinnert sich  Glandorf an die Zeit, in der er viel zuhause sein musste.  „Die Nähe der Familie war sehr wichtig, die Jungs haben mich gut abgelenkt.“  Die schwere Zeit hatte auch ihr Gutes. „Es hat mich tief berührt, als ich auf Videos gesehen habe, dass die Fans in der Halle meinen Namen gerufen haben.“  Das   war für Glandorf die Bestätigung,  sich für den richtigen Verein entschieden zu haben. „Seitdem weiß ich,  wo ich zuhause bin“, betont der Linkshänder, der mit rechts schreibt.  „Das Beste für uns wäre, wenn wir  hier nicht mehr  weg gehen“, sagt der Fan spanischer Weine.   Auch nicht nach der Sportkarriere. Auf diese Zeit bereitet er sich   nun durch ein Sport-Management-Fernstudium vor. Auch Ehefrau Christin ist sich sicher: „Flensburg oder Nordhorn sind unsere Zukunft.“

Anja Werner

Ljubomir Vranjes: Trainer mit vielen Talenten

Koch, Kellner, Masseur und Fotograf – das Leben von Ljubomir Vranjes ist bunt und der Traum des Schweden bleibt das eigene Restaurant

Handewitt „Ich bin ein Genießer“, sagt Ljubomir Vranjes.  Wie bitte?  Das kann  nicht sein – werden sich Fans und Förderer der SG Flensburg-Handewitt sagen. Denn  sie kennen den erfolgreichen Trainer des amtierenden Vizemeisters ganz anders: Immer engagiert, immer in Aktion, immer bei der Arbeit – ob  beim Training, auf der Bank, nach dem Spiel im Gespräch mit Presse und Sponsoren. Für die Videoanalyse schiebt der Schwede  nach alledem noch viele Nachtschichten.

Cheftrainer wird zum  Chefkoch

Auch heute Abend wartet im abgedunkelten Arbeitszimmer von Ljubomir Vranjes Haus in Handewitt noch viel Arbeit. „Doch erstmal muss ich etwas essen, dafür hatte ich noch keine Zeit“, sagt der 39-Jährige – und ist damit gleich bei einem seiner Genuss-Hobbys angelangt. „Die professionelle Verarbeitung von guten Lebensmitteln fasziniert mich seit der Kindheit“, sagt Vranjes, während er fix und fachmännisch Salat zerkleinert, die  Gurke in feine Scheiben schneidet. Die Kochkünste – ob Fisch, Lamm oder Gegrilltes – des jungen Trainers gelten nicht nur bei der Mannschaft als legendär. „Wenn ich etwas mache, dann hundertprozentig.“  Diese Maxime scheint für alles zu gelten, was Vranjes anpackt. Als Jugendlicher besuchte er eine Restaurant-Schule, ließ sich zum Koch und Kellner ausbilden.

Prima  Ballerina

Doch der ehemalige Weltklasse-Spielmacher kann noch mit weiteren Berufen trumpfen. So  ging er auf Tuchfühlung gleich mit  einer ganzen Schar attraktiver Tänzerinnen – als Masseur für das Ballett-Ensemble  der  Göteborger Oper. „Die Waden waren jeden Abend verkrampft. Unglaublich, wie hart Profitänzer arbeiten müssen, was sie ihren Füßen antun“, weiß Vranjes. Auch viele Handballer sind nach ihrer Karriere nicht mehr  gesund. „Meine  Finger sind ziemlich kaputt“, gesteht der Ex-Profi. Davon ist beim Vierteln der Tomaten und Zerkleinern der Zwiebel   nichts zu merken. „Masseur war nicht  mein Ding, aber von diesen Kenntnissen profitiere ich heute sehr – aber natürlich würde ich meine Spieler  nicht mehr selbst massieren“, schmunzelt Vranjes.

“Kultur ist wichtig”

Die  Opernzeit hat ihn zum Kultur-Fan gemacht. „Ich gehe gerne in Konzerte. Ob Klassik, Jazz oder Rock,  mit meiner Frau probiere ich  alles aus.“ Wie vor  sechs Wochen, als er sich mit Maria und den Kindern Esther und  William einen  Hamburg-Tag mit dem Besuch des „Königs der Löwen“ gegönnt hat.  „Kultur ist wichtig, auch Sport ist für mich Kultur.  Ich habe große Achtung vor allen Menschen, die sich vor einem Publikum präsentieren“, sagt Vranjes, der nicht verstehen kann, warum so viele Menschen fast jeden Abend vor dem Fernseher hängen. „Dafür ist das Leben viel zu kurz. Wenn du eine Chance hast, mit anderen etwas Schönes zu erleben, dann  tue es!“ Auch solche Stunden sind für  den    Optimisten  Genuss und Luxus, am liebsten begleitet von  Musik und einem guten Wein. Gleiches gilt für  tiefes Durchatmen  am Meer und die Fotografie.

150 Prozent Hochzeitsfotograf

Professionell wirken  seine seit  1997 gemachten Aufnahmen, alle in Schwarz-Weiß. „So bekommen Bilder mehr Seele.“ Wann hat er das letzte Mal fotografiert? „Im Sommer, die Hochzeit von Anders Eggert – allerdings in Farbe.“    In der Saison bleibt für all’ diese Genüsse kaum Zeit. „Ich erwarte von den Spielern alles – dafür  will  und muss ich jeden Tag alles zurück geben.“ Und zwar nicht nur als Trainer. „Sobald ich die Halle verlasse, bin ich zu 150 Prozent auch als Freund und Berater da. Jeder Spieler kann mich nachts anrufen – und ich fahre  sofort los“, sagt Vranjes, der   immer merkt, wenn mit einem seiner Jungs etwas nicht stimmt. Diese Sensibilität und Emotionalität geht auf das serbische Blut zurück, das in seinen Adern fließt. „Auch mein Temperament ist nicht schwedisch, aber ich kann es zum Glück kontrollieren“, sagt der  dunkelhaarige  Skandinavier und  richtet dabei  das Dressing an.

Familienmensch

1969 gingen seine Eltern als Gastarbeiter von Serbien nach Schweden, 1973 wurde Vranjes geboren. Was macht Erfolg für ihn jenseits des Handballfelds aus? „Wenn ich morgens meine Frau und meine Kinder lächelnd in die Küche kommen sehe.“  Ihm ist bewusst, dass sein kompromissloser Einsatz für die SG nur funktioniert, weil seine Frau voll dahinter steht, vieles für die Familie regelt und oft allein ist. „Ich kann gar nicht genug Respekt vor Maria haben.

Ohne sie würde meine Welt zusammen brechen – und ich  finde meist nicht mal Zeit, um ihr dafür zu danken.“ Ehrlich und direkt   fällt diese Liebeserklärung aus. „Das  ist meine Art, die mir im Leben immer geholfen hat,  auch wenn Wahrheit unbequem sein kann“, betont Vranjes. Dann wird gegessen. Den Traum vom eigenen Restaurant hat er  noch immer.  „Dafür ist auch noch  Zeit“, sagt der Genießer.

Anja Werner

Vranjes in Zahlen:

Geburtstag: 3.10.1973 Geburtsort: Göteborg Größe: 1,66 m – Gewicht: 88 kg Familienstand: verheiratet mit Maria, zwei Kinder (William, Esther) Bisherige Vereine: Kortedala (bis 1989), Redbergslids Göteborg (1989-1999), BM Granollers (1999-2001), HSG Nordhorn (2001-2006) Bei der SG: seit 1. Juli 2006 Länderspiele: 164 für Schweden Sportliche Erfolge: Europacup der Pokalsieger 2012 (als Trainer), Weltmeister 1999, Europameister 1998, 2000 und 2002, fünf Mal schwedischer Meister, Olympia-Silber 2000 Hobbys: Fotografieren, Golf, Kochen Lieblingsgericht: Tapas Lieblingsgetränk: Wein Lieblingsmusik: U2