„Ich rede nicht gerne über mich“, sagt Mattias Andersson. Deshalb ist der zu Saisonbeginn auszufüllende Fragebogen zur Vorstellung der SG-Spieler für die Nummer eins im Tor der SG Flensburg-Handewitt ein Graus.
Doch auch ohne Worte wird deutlich, was für ein ehrgeiziger Kämpfer und außergewöhnlicher Mensch im Tor die Knochen für sein Team hinhält. Dutzende hammerharte Würfe schnellen bei jedem Spiel auf sein Tor. Jeder Ball, der gegen Anderssons Hände schmettert, wird in der Halle bejubelt. Tun diese Würfe nicht weh? „Verdammt weh, jeder Finger schmerzt, noch lange nach dem Spiel, besonders wenn es so wenig Zeit zur Regeneration gibt wie derzeit“, sagt Andersson. Doch der 34-jährige Schwede hatte keine Wahl, schon Vater Thomas stand im Tor – für die schwedische Nationalmannschaft wie auch der Sohn. Eine herausfordernde Position, die besonders tief ins Privatleben greift. Intensiver als jeder Feldspieler studiert der Keeper die Gegner, besonders ihre Schützen. Andersson lässt sich für jedes Spiel eigene Videos zusammen schneiden, auch von den Teams, die er blind kennt. „Ich will mich immer bestmöglich vorbereiten, das erwarte ich von mir“, sagt der Schwede, der nie ganz zufrieden mit sich ist. Das bedeutet viele Stunden Heimarbeit – zu Lasten von Ehefrau Anna und den Kindern Elis und Livia. „Für die Zuschauer ist es toll, dass es auch zu Weihnachten so viel Handball gibt. Für meine Familie tut es mir leid“, sagt Andersson mit Blick auf die Spiele am 23. Dezember in Essen und am 26. Dezember gegen Kiel. Obwohl Anna den Bungalow in Handewitt mit großen weißen Sternen und anderen Advents-Accessoires geschmückt hat, hat ihr Gatte nicht wirklich bemerkt, dass Weihnachtszeit ist. Bei zwei Spielen pro Woche gilt die volle Konzentration dem Handball. „Irgendwann ist aber auch dieser Dezember vorbei“, sagt der passionierte Kaffeetrinker, der von sich selbst sagt, dass er noch zu oft zu viel nachdenkt. Doch die Fokussierung auf das Wesentliche gelingt einem der derzeit besten Keeper der Liga immer besser – dank seines schwedischen Mental-Trainers, mit dem er sich mehrmals pro Jahr trifft und jede Woche telefoniert. „Sich ganz auf eine Sache einlassen zu können, kann auch privat ein entscheidender Vorteil sein“, hat der SG-Profi festgestellt, der selbst bei der besten Abstimmung mit der Abwehr ein Einzelkämpfer bleibt. „Schlimm finde ich, dass ein Torwart nicht zeigen kann, dass er sich zurück ins Spiel kämpfen will.“ Der private Andersson ist kein Einzelkämpfer, sondern ein auffallend sozialer, hilfsbereiter Typ, der ganz selbstverständlich sogar sein Auto verleiht. „Das, was mir selbst gut tut, gebe ich gerne zurück“, sagt der Schwede, der es vorzieht, wichtige Dinge direkt anzusprechen. Familie steht in der Freizeit an erster Stelle. Doch Andersson schätzt auch das Alleinsein, wie an einem Champions-League-Wochenende, an dem seine Familie zu den Großeltern nach Stockholm gereist ist. „Dann kann ich mich ganz auf meinen Job konzentrieren und auch mal kurz total entspannen.“ Oder seine Leidenschaft für Manchester United pflegen – dem Fußballclub, für den Andersson seit vielen Jahren schwärmt, besonders für Ryan Giggs, der mit den Red Devils zwölf englische Meisterschaften gewann. Schon als kleiner Junge saß Andersson in Malmö sonnabends gebannt vor dem Fernseher, wenn die Manchester-Spiele übertragen wurden. Weihnachten beschert Andersson ein besonderes Spiel, denn sieben Jahre stand er selbst im Tor des THW Kiel. „Jedes Spiel ist wichtig. Doch zwischen Kiel und Flensburg – das ist schon eine außergewöhnliche Rivalität, die jeder Spieler spürt.“ Auch in Spanien, bei den Königlichen vom FC Barcelona, hat der Nationalkeeper gespielt. „Das Klima dort war sehr angenehm“, schwärmt Andersson, der keine Probleme hat, sich in einem neuen Land zurecht zu finden. Denn: „Sprachen haben mir schon immer gelegen.“ Doch über seine weiteren Stärken und Schwächen sollen andere urteilen, sagt der Mann, der nicht gerne über sich spricht.
Anja Werner
