Verliebt in Flensburg

Holger Glandorf und seine Familie  haben ihre Heimat gefunden

timmersiek Mörderische  Spannung, menschliche Abgründe  und raffinierte Verbrechen lassen Holger Glandorf die Welt um sich herum vergessen. „Besonders fesselnd finde ich, wenn bis zum Ende offen bleibt, wer der Mörder ist“, sagt der große Fan von Krimis und Thrillern. Auch monumentale Historien-Wälzer wie Ken Folletts „Säulen der Erde“ knipsen das Kopfkino  des besten deutschen Linkshänders im Rückraum  an.  Bevorzugt auf langen Auswärtstouren,  denn im wohligen Zuhause in Timmersiek fehlt dafür meist die Ruhe. Erst recht, wenn Holger Glandorf über zwei Auswärtsspiele und fünf Tage am Stück nicht zuhause war. Dann nehmen die  kleinen Söhne Fynn und Lasse ihren Papa komplett in Beschlag, wollen spielen, Bücher schauen oder einfach auf dem Schoß kuscheln. Schon ein wenig anstrengend – besonders nach nur wenigen Stunden Schlaf. „Die Familie ist in meiner Freizeit nun mal das Wichtigste für mich – und ich soll als kleiner Junge auch nicht gerade unanstrengend gewesen sein“, sagt der Familienvater. „Schlimmer als unsere Beiden zusammen, sagt deine Mutter“, ergänzt Ehefrau Christin Glandorf.  Wie der Vater so die Söhne – das gilt auch sportlich.  „Bei uns haben alle Handball gespielt – mein Vater war ein sehr guter Feldhandballer“, erinnert sich  Glandorf, der mit den Eltern und seinem älteren Bruder in Osnabrück groß geworden ist. Auch Glandorfs „Großer“ brennt schon für den  Ballsport – und die SG. „Das ist Mattias,  da spielt Knudsen“, erkennt  der Vierjährige spontan beim Durchblättern eines Buches, das er noch nie  gesehen hat. Osnabrück ist nicht gerade eine Metropole, ebenso wenig wie Glandorfs langjährige Handball-Heimat Nordhorn oder Lemgo.  Auch an der dänischen Grenze hat er vor anderthalb  Jahren  ein ländliches Domizil bezogen. Ist er kein Stadtmensch? „Es hat sich nie ergeben, in einer Großstadt zu leben. Wir fühlen uns hier rund um wohl – in diesem Haus, in Flensburg und bei der SG.“ Ehefrau Christin bringt es auf den Punkt: „Wir sind Landeier“. Bodenständig zu sein und zu leben –  gerade diese Authentizität macht die besondere, herzliche  Ausstrahlung von Holger Glandorf aus, mit der er  schneller als jeder andere Neuling zum Symphatieträger der SG wurde.  Durch  Clubs ziehen, Design-Klamotten, Schmuck oder  auffällig gestylte Haare – das alles ist nicht sein Ding. „An einem Tag mit zwei

 

Trainingseinheiten ist ein Jogginganzug  am bequemsten. Ich putze mich aber  auch gerne mal heraus und gehe weg oder kaufe etwas Nettes zum Anziehen.“ Ganz alleine? „Ja, aber ich frage meine Frau schon, ob es ihr gefällt.“ Jeanshemden mag sie zum Bedauern des 1,95 Meter  großen  Athleten nicht. Wenig Freude bereitet Glandorf oft  der Schuhkauf. „In den Größen 47/48 ist die Auswahl überschaubar“, bedauert der  29-Jährige. Um den linken Fuß, genauer die linke Ferse Glandorfs hat im Frühjahr die  große SG-Familie mehr gebangt als um das Erreichen der Champions-League. Am Freitag, den 13. April, spitzte sich die Lage bis zu einer Notoperation dramatisch zu. Einer Spritze, die Glandorf  von einem Arzt der Nationalmannschaft in den Fuß gesetzt  worden war, folgten eine schwere Entzündung, mehrere Operationen und eine lange Zwangspause. „Ich bin ein großer Optimist, dennoch hatte ich großen Respekt vor dieser Verletzung“, erinnert sich  Glandorf an die Zeit, in der er viel zuhause sein musste.  „Die Nähe der Familie war sehr wichtig, die Jungs haben mich gut abgelenkt.“  Die schwere Zeit hatte auch ihr Gutes. „Es hat mich tief berührt, als ich auf Videos gesehen habe, dass die Fans in der Halle meinen Namen gerufen haben.“  Das   war für Glandorf die Bestätigung,  sich für den richtigen Verein entschieden zu haben. „Seitdem weiß ich,  wo ich zuhause bin“, betont der Linkshänder, der mit rechts schreibt.  „Das Beste für uns wäre, wenn wir  hier nicht mehr  weg gehen“, sagt der Fan spanischer Weine.   Auch nicht nach der Sportkarriere. Auf diese Zeit bereitet er sich   nun durch ein Sport-Management-Fernstudium vor. Auch Ehefrau Christin ist sich sicher: „Flensburg oder Nordhorn sind unsere Zukunft.“

Anja Werner

Ljubomir Vranjes: Trainer mit vielen Talenten

Koch, Kellner, Masseur und Fotograf – das Leben von Ljubomir Vranjes ist bunt und der Traum des Schweden bleibt das eigene Restaurant

Handewitt „Ich bin ein Genießer“, sagt Ljubomir Vranjes.  Wie bitte?  Das kann  nicht sein – werden sich Fans und Förderer der SG Flensburg-Handewitt sagen. Denn  sie kennen den erfolgreichen Trainer des amtierenden Vizemeisters ganz anders: Immer engagiert, immer in Aktion, immer bei der Arbeit – ob  beim Training, auf der Bank, nach dem Spiel im Gespräch mit Presse und Sponsoren. Für die Videoanalyse schiebt der Schwede  nach alledem noch viele Nachtschichten.

Cheftrainer wird zum  Chefkoch

Auch heute Abend wartet im abgedunkelten Arbeitszimmer von Ljubomir Vranjes Haus in Handewitt noch viel Arbeit. „Doch erstmal muss ich etwas essen, dafür hatte ich noch keine Zeit“, sagt der 39-Jährige – und ist damit gleich bei einem seiner Genuss-Hobbys angelangt. „Die professionelle Verarbeitung von guten Lebensmitteln fasziniert mich seit der Kindheit“, sagt Vranjes, während er fix und fachmännisch Salat zerkleinert, die  Gurke in feine Scheiben schneidet. Die Kochkünste – ob Fisch, Lamm oder Gegrilltes – des jungen Trainers gelten nicht nur bei der Mannschaft als legendär. „Wenn ich etwas mache, dann hundertprozentig.“  Diese Maxime scheint für alles zu gelten, was Vranjes anpackt. Als Jugendlicher besuchte er eine Restaurant-Schule, ließ sich zum Koch und Kellner ausbilden.

Prima  Ballerina

Doch der ehemalige Weltklasse-Spielmacher kann noch mit weiteren Berufen trumpfen. So  ging er auf Tuchfühlung gleich mit  einer ganzen Schar attraktiver Tänzerinnen – als Masseur für das Ballett-Ensemble  der  Göteborger Oper. „Die Waden waren jeden Abend verkrampft. Unglaublich, wie hart Profitänzer arbeiten müssen, was sie ihren Füßen antun“, weiß Vranjes. Auch viele Handballer sind nach ihrer Karriere nicht mehr  gesund. „Meine  Finger sind ziemlich kaputt“, gesteht der Ex-Profi. Davon ist beim Vierteln der Tomaten und Zerkleinern der Zwiebel   nichts zu merken. „Masseur war nicht  mein Ding, aber von diesen Kenntnissen profitiere ich heute sehr – aber natürlich würde ich meine Spieler  nicht mehr selbst massieren“, schmunzelt Vranjes.

“Kultur ist wichtig”

Die  Opernzeit hat ihn zum Kultur-Fan gemacht. „Ich gehe gerne in Konzerte. Ob Klassik, Jazz oder Rock,  mit meiner Frau probiere ich  alles aus.“ Wie vor  sechs Wochen, als er sich mit Maria und den Kindern Esther und  William einen  Hamburg-Tag mit dem Besuch des „Königs der Löwen“ gegönnt hat.  „Kultur ist wichtig, auch Sport ist für mich Kultur.  Ich habe große Achtung vor allen Menschen, die sich vor einem Publikum präsentieren“, sagt Vranjes, der nicht verstehen kann, warum so viele Menschen fast jeden Abend vor dem Fernseher hängen. „Dafür ist das Leben viel zu kurz. Wenn du eine Chance hast, mit anderen etwas Schönes zu erleben, dann  tue es!“ Auch solche Stunden sind für  den    Optimisten  Genuss und Luxus, am liebsten begleitet von  Musik und einem guten Wein. Gleiches gilt für  tiefes Durchatmen  am Meer und die Fotografie.

150 Prozent Hochzeitsfotograf

Professionell wirken  seine seit  1997 gemachten Aufnahmen, alle in Schwarz-Weiß. „So bekommen Bilder mehr Seele.“ Wann hat er das letzte Mal fotografiert? „Im Sommer, die Hochzeit von Anders Eggert – allerdings in Farbe.“    In der Saison bleibt für all’ diese Genüsse kaum Zeit. „Ich erwarte von den Spielern alles – dafür  will  und muss ich jeden Tag alles zurück geben.“ Und zwar nicht nur als Trainer. „Sobald ich die Halle verlasse, bin ich zu 150 Prozent auch als Freund und Berater da. Jeder Spieler kann mich nachts anrufen – und ich fahre  sofort los“, sagt Vranjes, der   immer merkt, wenn mit einem seiner Jungs etwas nicht stimmt. Diese Sensibilität und Emotionalität geht auf das serbische Blut zurück, das in seinen Adern fließt. „Auch mein Temperament ist nicht schwedisch, aber ich kann es zum Glück kontrollieren“, sagt der  dunkelhaarige  Skandinavier und  richtet dabei  das Dressing an.

Familienmensch

1969 gingen seine Eltern als Gastarbeiter von Serbien nach Schweden, 1973 wurde Vranjes geboren. Was macht Erfolg für ihn jenseits des Handballfelds aus? „Wenn ich morgens meine Frau und meine Kinder lächelnd in die Küche kommen sehe.“  Ihm ist bewusst, dass sein kompromissloser Einsatz für die SG nur funktioniert, weil seine Frau voll dahinter steht, vieles für die Familie regelt und oft allein ist. „Ich kann gar nicht genug Respekt vor Maria haben.

Ohne sie würde meine Welt zusammen brechen – und ich  finde meist nicht mal Zeit, um ihr dafür zu danken.“ Ehrlich und direkt   fällt diese Liebeserklärung aus. „Das  ist meine Art, die mir im Leben immer geholfen hat,  auch wenn Wahrheit unbequem sein kann“, betont Vranjes. Dann wird gegessen. Den Traum vom eigenen Restaurant hat er  noch immer.  „Dafür ist auch noch  Zeit“, sagt der Genießer.

Anja Werner

Vranjes in Zahlen:

Geburtstag: 3.10.1973 Geburtsort: Göteborg Größe: 1,66 m – Gewicht: 88 kg Familienstand: verheiratet mit Maria, zwei Kinder (William, Esther) Bisherige Vereine: Kortedala (bis 1989), Redbergslids Göteborg (1989-1999), BM Granollers (1999-2001), HSG Nordhorn (2001-2006) Bei der SG: seit 1. Juli 2006 Länderspiele: 164 für Schweden Sportliche Erfolge: Europacup der Pokalsieger 2012 (als Trainer), Weltmeister 1999, Europameister 1998, 2000 und 2002, fünf Mal schwedischer Meister, Olympia-Silber 2000 Hobbys: Fotografieren, Golf, Kochen Lieblingsgericht: Tapas Lieblingsgetränk: Wein Lieblingsmusik: U2

 

 

Nett – das Apfelsinchen gratuliert Morten

SG-Moment in der Holmpassage: Das Apfelsinchen gratuliert Morten Dibbert mit dem “Saft des Tages” zum 21. Geburtstag. SG-Inside hat aufgepasst und draufgehalten – nachmachen erwünscht!