
Siegtorschütze Lars Christiansen. Die SG holte beim Final Four 2003 ihren ersten nationalen Titel. Christiansen: “Darauf habe ich sieben Jahre gewartet!”
Der Bann ist gebrochen: Die SG Flensburg-Handewitt schlug gestern in einem an Dramatik kaum zu überbietenden Finale um den DHB-Pokal die Mannschaft von TuSEM Essen mit 31:30 (16:12/27:27) nach Verlängerung und legte damit den Ruf des „ewigen Zweiten“ zu den Akten. Der erste nationale Titel war gewonnen, der Final-Fluch besiegt.
Auuus, auuus, auuus! Flensburg ist Pokalsieger. Punkt 16.26 hatte die elf Jahre lang andauernde Leidenszeit ein Ende. Kapitän Jan Fegter reckte den „Pott“ inmitten von Champagner-Fontänen und ausflippenden Flensburger Spielern in die Höhe. „Endlich mal“, schrie Lars Christiansen seinen Landsmann Joachim Boldsen an, der sich gerade das Sieger-T-Shirt überstreifte, auf dem geschrieben stand, was alle Beteiligten in diesem Moment dachten: „Wir haben es verdient!“ „Sieben Jahre habe ich auf diesen Tag gewartet“, sagte Linksaußen Christiansen, der mit seinem Tor zum 31:30 diese 70-minütige Nervenschlacht zu Gunsten seines Teams entschieden hatte. Zehn Sekunden zeigte die Hallenuhr an, als der dänische Linksaußen sich in der Verlängerung zum finalen Gegenstoß aufmachte, um dann schließlich das Tor zur Glückseligkeit aufzustoßen und den „ewigen Zweiten“ zum „erstmaligen Ersten“ zu werfen. Der Rest war nur noch blau-weiß-roter Jubel — Flensburg außer Rand und Band. Und Trainer Erik Veje Rasmussen fiel ein Stein vom Herzen: „Der Pokalsieg ist eine riesige Genugtuung für mich. Dieses Ewige-Zweite-Gerede hat mich schon genervt.“

Knapp war’s – aber erfolgreich! Im Bild: Das Sieger-Team aus Flensburg.
Es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre das Pokalfinale zum wiederholten Male zur Endstation Sehnsucht für die SG geworden, die 1992 gegen Essen, 1994 gegen Wallau-Massenheim und 2000 gegen THW Kiel nach Verlängerung im Endspiel jeweils das Nachsehen gehabt hatte. In der regulären Spielzeit hatten die Flensburger mehrfach die Gelegenheit, das Kind, sprich den Pokal, in trockene Tücher zu legen. Ständig lagen sie, angetrieben von einem anfangs überragenden Joachim Boldsen, in Front, zum Teil mit fünf Toren (15:10/27.). Auch zehn Minuten vor Schluss beim 24:20 war die Stimmung im lautstarken Flensburger Fan-Block am Kochen. Der endgültige Knock-out jedoch wollte nicht gelingen. Und so sahen nicht wenige die Flensburger Felle davonschwimmen, als Oleg Velykky 18 Sekunden vor dem Abpfiff der regulären Spielzeit einen Siebenmeter zum 27:27-Ausgleich für Essen verwandelte. Psychologischer Vorteil TuSEM: Einige Journalisten frohlockten zu diesem Zeitpunkt bereits beim Gedanken, wieder die alte Platte vom ewigen Zweiten Flensburg auflegen zu können. Dass es dazu nicht kam, hatte mehrere Gründe: Aus Sicht der Essener Spieler waren die Schiedsrichter Lemme/Ullrich die Schuldigen. „Wir sind betrogen worden“, wetterte Torwart Hannawald. Trainer Juri Schewzow hingegen trug die Niederlage mit Fassung: „Meine Mannschaft ist an ihre Grenzen gegangen, darauf bin ich stolz. Natürlich bin ich aber auch traurig, weil wir schließlich Jahre auf ein solches Spiel hingearbeitet hatten“, meinte der Russe. 1988, 1991 und 1992 hatte sich der TuSEM auf dem Pokal verewigen können. Hannawalds Betrugsvorwürfe interessierte sein Pendant auf Flensburger Seite natürlich überhaupt nicht.

Die Fans peitschten die Spieler bis zum Schluss nach vorne.
Jan Holpert („Heute haben wir endlich das Quäntchen Glück gehabt“) war der heimliche Held des Tages. Schwer gehandicapt durch eine beim Halbfinalsieg über Göppingen erlittene Fußverletzung, biss sich das Urgestein der SG durch. Das gleiche galt für Christian Berge, der in Hamburg nach viermonatiger Pause sein Comeback feierte und die beiden vorletzten, wichtigen Tore in der Verlängerung warf. Jubel, Trubel, Heiterkeit — nach dem Schlusspfiff brachen alle Dämme. Jubelnd sprangen Christiansen, der zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde, Jeppesen, Boldsen und Co. umher. Nur einer hatte sich schnell wieder im Griff und stahl sich aus dem Rampenlicht: Erik Veje Rasmussen.
Als Jan Fegter den Pokal überreicht bekam, saß der scheidende Trainer einsam in der Kabine — mit ein paar kleinen Tränen in den Augen. „Ich spüre eine Erleichterung“, sagte der 44-jährige Däne später. Ein Gefühl, mit dem er zu diesem Zeitpunkt nicht alleine war.
Holger Petersen