Höchste Gefahr

LÖSCHZUG GEFAHRGUT Wenn es selbst für die örtliche Feuerwehr zu gefährlich wird, rückt der Löschzug Gefahrgut an. Etwa beim Brand an einer Biogasanlage. Eine Spezialeinheit von Freiwilligen.

Arup Feuer in der Biogas-Anlage. Rauch quillt aus dem Technikraum; drei Menschen werden vermisst. Die Feuerwehr Struxdorf (Kreis Schleswig-Flensburg) ist schnell vor Ort, doch die Lage ist kritisch, denn dort, wo die Vermissten sich vermutlich aufhalten, sollen einige Fässer mit Chemikalien lagern. Einsatzleiter Andreas Nissen entschließt sich, den Löschzug Gefahrgut (LZG) aus Schleswig zur Unterstützung zu rufen.

Der LZG  ist eine Spezialeinheit der Feuerwehr. Er kommt, wenn es für die anderen zu gefährlich wird, wenn atomare, biologische oder chemische Gefahrenstoffe mit im Spiel sind. Es ist eine hochspezialisierte Truppe – doch so wie die meisten Wehren in Schleswig-Holstein setzt auch diese sich allein aus Freiwilligen zusammen.  47 sind es insgesamt, 19 von ihnen rücken mit vier Fahrzeugen, vollgestopft mit Nachschlagewerken und Spezialausrüstung aus. Rund 25 Minuten werden sie brauchen, bis sie den Einsatzort erreicht haben.

Crash-Rettung erforderlich So lange kann Nissen an der Biogas-Anlage in Arup nicht warten. Auch wenn hochgiftige Stoffe austreten könnten und der Bereich deshalb eigentlich nur mit Chemie-Schutzanzügen (CSA) betreten werden darf – im Gefahrenbereich liegen noch drei Menschen, einer vermutlich sogar dort, wo es gerade brennt; im Technikraum.

Nissen richtet eine Sicherheitszone ein. Alle Feuerwehrleute, die keinen Atemschutz haben, dürfen sich der Einsatzstelle auf der windabgewandten Seite nur noch bis auf 50 Meter nähern – wenn sie die Kameraden vor Ort unterstützen müssen, die übrigen bleiben sogar 100 Meter zurück. Alles andere wäre zu gefährlich. Und während die einen die Wasserversorgung aufbauen, rüsten die anderen sich aus, um eine sogenannte Crash-Rettung vorzunehmen. Unter Atemschutz werden sie in die Gefahrenzone gehen, den Vermissten im brennenden Technikraum suchen und die Zone mit ihm so schnell wie möglich wieder verlassen.

Auf dem Weg dorthin treffen die beiden auf zwei Fässer mit Chemikalien-Kennzeichnung, eines von ihnen ist umgekippt und läuft aus. Vorsichtig steigen die beiden über die unbekannte Flüssigkeit hinweg. Via Funk geben sie das, was sie auf den ersten Blick über die Fässer in Erfahrung bringen können, an Nissen weiter. Dann machen sie sich auf die Suche nach dem Vermissten.

Erster Datenaustausch schon bei der Anfahrt Die Informationen zu den Fässern lässt der Einsatzleiter an den sogenannten Einsatzleitwagen des LZG melden. Das lieferwagengroße Fahrzeug ist ein Büro auf Rädern, in dem ein Mann und eine Frau  bereits auf erste Informationen warten. Das Einsatzgebiet des Schleswiger LZG ist rund 2000 Quadratkilometer groß – der Kreis Schleswig-Flensburg – „und wir müssen an jeder Einsatzstelle im Kreis in  40 Minuten sein“, erläutert Marcus Pott, führendes Mitglied der Spezialeinheit. „So sieht es das Gesetz vor.“ Bei der Größe des Kreises sei das an einigen Orten aber schlicht „ein Ding der Unmöglichkeit“. Um so wichtiger sei es daher, wenn die Spezialeinheit sich bereits bei der Anfahrt vorbereiten kann und so  Zeit einspart. Im Einsatzleitwagen läuft daher während der Fahrt schon der Computer, um die gesammelten Daten mit einem der Nachschlagewerke zu Gefahrgütern abzugleichen. In ihnen sehen die Feuerwehrleute nicht nur, mit welchen Stoffen sie es zu tun haben und wie diese in welchen Situationen reagieren beziehungsweise welche Gefahren von ihnen ausgehen, sondern auch, welche Schutzmaßnahmen zu treffen sind. Hierüber können sie noch während der Fahrt die Wehr vor Ort informieren.

Mittlerweile ist auch das LZG an der Biogasanlage eingetroffen. Klaus Uck hat die Führung der Einheit übernommen und macht sich auf die Suche nach Einsatzleiter Andreas Nissen, um sich mit ihm abzustimmen. Seine Leute bauen derweil schon einmal eine Dekontaminationsanlage auf, um zu vermeiden, dass austretende Chemikalien durch die Einsatzkräfte noch zusätzlich in der Umgebung verteilt, sprich breitgetreten werden oder dass einer der Einsatzkräfte beim späteren Ausziehen der Schutzkleidung womöglich mit einem der zuvor geborgenen und nun an der CSA heftenden Stoffe in Berührung kommt.

Von Nissen erfährt Uck, dass die Person in dem brennenden Technikraum in Sicherheit gebracht werden konnte. Zwei weitere Personen würden aber noch vermisst. Uck schickt seine Leute im Schutzanzug los. Sie finden die Personen in der Nähe des sogenannten Fermenters, bringen sie in Sicherheit und übergeben an den nächsten Trupp. Dieser wiederum misst zunächst die Luft im Umkreis des Brandes. Tatsächlich: Direkt an der Anlage stellt er einen erhöhten Schwefelwasserstoff-Gehalt fest. Schwefelwasserstoff ist ein hochgiftiges Gas, das sich am Boden sammelt und bei entsprechender Konzentration  in Sekunden zum Tod führen kann. Spätestens jetzt ist klar, dass der betroffene Bereich in der Tat nur mit CSA betreten werden darf.

Chemie-Fässer mit unbekannten Stoffen An den Fässern untersuchen die  beiden Einsatzkräfte im Anschluss deren Kennung. Sie finden darauf Hinweisschilder, dass der Stoff giftig, ätzend und leicht entflammbar ist. Und sie entdecken eine Kombination aus zwei Buchstaben und vier Zahlen, die sie an ihre Kollegen im Einsatzleitwagen melden.  Dieser Code ermöglicht es jenen, in den Nachschlagewerken den genauen Stoff und  notwendige Maßnahmen zu ermitteln. Die Männer in ihren Schutzanzügen können die Kennung jedoch nicht genau lesen – handelt es sich um UN2965 oder 2969?

Vom Einsatzleitwagen gibt es Entwarnung: Die genaue Kennung sei nicht ganz so  wichtig, weil man sich beiden Stoffen nur im CSA nähern darf und beide durch Bindemittel zunächst abgebunden und dann aufgenommen werden sollen. Außerdem sollen mögliche Kleinstpartikel in der Luft mit einem Sprühstrahl abgeregnet werden. Damit nichts davon in die Gullis gelangt, werden diese abgedichtet. Dabei bekommt das LZG Hilfe von den Struxdorfern, von denen sich ebenfalls zwei in die CSA zwängen. Ansonsten gilt es, das umgefallene Fass aufzurichten und abzudichten. Danach wird es zur Seite geschafft. Es geht von ihm wie von den anderen Fässern keine Gefahr mehr aus.

Die Feuerwehr Struxdorf kann das Feuer löschen und den Schwefelwasserstoff  mit einem Sprühstrahl niederschlagen. Der Einsatz ist abgeschlossen. Und da es sich in diesem Fall nur um eine Übung handelte, kann auch die Dekontaminationsanlage ungenutzt wieder abgebaut werden. Frank Majer, Wehrführer der Feuerwehr Struxdorf, und Marcus Pott, Ausbilder an der Landesfeuerwehrschule in Harrislee, die die Übung gemeinsam konzipiert haben, sind zufrieden. Im Großen und Ganzen hat alles gut geklappt – auch wenn einige Kameraden doch ohne Atemschutz in den abgesperrten Bereich gegangen oder unbedacht durch die vermeintlich austretenden Chemikalien gelaufen sind. „Aber das ist auch der Übungssituation geschuldet“, ist Pott sich sicher. Im Ernstfall sähe das ganz anders aus, da wären alle aufgrund der realen, aber eben doch auch handhabbaren Gefahr sehr viel aufmerksamer, weiß der Ausbilder.

Das LZG Schleswig-Flensburg sucht Mitglieder. Informationen erhalten Interessierte bei Annelie Sievers, Tel. 0151/41936369, Mail: florian.sievers@kfv-slfl.de

Der Artikel ist so am 10.08.2014 in Schleswig-Holstein am Sonntag erschienen.

Havarieübung für den Einsatz auf See

Unter Atemschutz arbeiten sich die Feuerwerhleute zum Maschinenraum vor. (Foto: Ruff)

Unter Atemschutz arbeiten sich die Feuerwerhleute zum Maschinenraum vor. (Foto: Ruff)

Wenn ein Schiff havariert, muss die Besatzung ran – bis Hilfe von Land unterstützen kann. Das bedeutet eine spezielle Ausbildung sowohl für die Schiffsführer als auch die Feuerwehren an Deutschlands Küsten.

Neustadt/Lübeck Das Schlauchboot zischt über das Wasser. An Bord vier Mann Besatzung in Feuerwehrmontur mit Schwimmwesten um den Hals. Zwischen den Männern stapelt sich Ausrüstung. Vorsichtig macht das Boot an der Seite einer Fregatte fest. Über die Rettungsleiter klettern die ersten beiden Männer an Bord. Sie werden von einem Matrosen in Empfang genommen, der mit einem von ihnen, dem Einsatzleiter, etwas abseits geht. Der andere beginnt mit Seilen, die Ausrüstung an Bord zu ziehen. Kaum ist das geschafft, klettert der Dritte hoch, das Schlauchboot kehrt zurück in den Hafen, holt weitere Männer und noch mehr Ausrüstung.

Derweil wird der Einsatzleiter vom Matrosen auf die Brücke gebracht, wo der Kapitän des Schiffes bereits auf ihn wartet. Feuer an Bord der „Scharhörn“.

„Um 13 Uhr hatten wir ein Feuer im Maschinenraum“, berichtet  Kapitän Klaus Köster dem herbeigeeilten Einsatzleiter der Feuerwehr. Er habe Generalalarm ausgelöst, doch als sich die Mannschaft am Sammelplatz wie vorgeschrieben einfand, habe ein Mann gefehlt. Er werde weiterhin vermisst. Klar sei bislang nur, dass er nicht im Maschinenraum sein könne, da Köster diesen sofort durch einen Rettungstrupp seiner Mannschaft unter Atemschutz habe absuchen lassen. „Da ist der Mann auf keinen Fall.“ Köster vermutet, dass er versucht habe, sich nach Achtern, also in  den hinteren Bereich des Schiffes zu retten. Vor zehn Minuten seien jedenfalls aus diesem Bereich noch Klopfzeichen zu vernehmen gewesen.

Der Kapitän erteilt nun der Feuerwehr den Befehl, zunächst nach dem Vermissten zu suchen. „Das Feuer ist vorerst unter Kontrolle. Wir haben einen CO2-Abschuss gemacht, um ihm den Sauerstoff zu entziehen, im Maschinenraum dürfte es aus sein.“ Der Einsatzleiter der Feuerwehr fragt noch einmal nach, doch der Kapitän ist sich sicher, dieses Problem ist zunächst zu vernachlässigen. Zwar gebe es immer noch eine Wärmeentwicklung, einige Stahlwände seien 90 Grad Celsius heiß, doch Schiffsstahl schmilze erst bei 380 Grad. Darum könne sich die Feuerwehr später kümmern. Zunächst solle sie seinen Mann suchen. Außerdem gebe es auch noch eine Leckage im Vorschiff. Doch das sei vorerst unter Kontrolle, die Schotts seien geschlossen.

An Bord eines Schiffes gelten andere Regeln als an Land. Auch bei einem Feuerwehreinsatz. An Bord behält der Kapitän immer das Kommando – schließlich ist er der einzige, der die Situation und mögliche Gefährdung des Schiffes wirklich einschätzen kann. Der Einsatzleiter gibt die Lage also über Funk an seinen Gruppenführer an Deck weiter. Dort sind mittlerweile sieben weitere Feuerwehrleute eingetroffen, sodass die Brandbekämpfer nun mit zwei Trupps à vier Mann, einem Gruppenführer, der die Trupps einweist und einem Einsatzleiter, der si

ch mit dem Kapitän abstimmt, arbeiten kann.
Der erste Trupp stattet sich mit Atemschutz und einem Rettungsschlauch aus und geht unter Deck. Jedes Mal, wenn die Männer dabei auf ein Schott treffen, halten sie Rücksprache mit der Brücke, ob sie dieses Öffnen dürfen. Zu groß ist die Gefahr, dem Feuer unbeabsichtigt Nahrung durch frischen Sauerstoff zu geben oder einen ungewollten Wassereinbruch zu verursachen. Nicht nur das macht den Weg der vier unter Deck ausgesprochen mühsam. Es ist eng und dunkel. Auch ohne Rauch können die Männer nur ein paar Meter weit sehen. Endlich haben sie

den Mann gefunden. Er hat sich am Bein verletzt, kann aber nicht mehr selbstständig laufen. Mithilfe eines Rettungsschlauchs ziehen sie ihn an Deck.

Kaum sind die Männer oben angelangt, macht sich der zweite Trupp auf den Weg in den Maschinenraum, wo es wieder wärmer wird. Der Brand scheint doch noch nicht vollständig gelöscht. Nun vernebelt der Rauch ihnen auch noch die letzte Sicht, alles, was mehr als ein paar Zentimeter vor ihnen liegt, können die Männer nicht mehr sehen. Doch das ist nicht ihr einziges Problem. Zugleich müssen sie auch noch ihre Au

srüstung – wie etwa die Schläuche und Spritzen – mit durch die Enge schleppen.

Endlich haben sie den Maschinenraum erreicht, das Feuer lokalisiert. Es ist nicht sehr groß. Ein Wasserstoß reicht, dann ist es gelöscht. Sofort verwandelt sich das Wasser dabei in Dampf – aus einem Liter werden 1700. Eine starke Druckwelle sucht ihren Weg

nach draußen. Ende des ersten Teils der Übung.

Klaus Köster ist zufrieden. Der 63-Jährige ist nicht Kapitän der „Scharhörn“, sondern ehemaliger Seemann und Feuerwehrmann in Brunsbüttel. Und die „Scharhörn“ ist auch keine echte Fregatte mehr, sondern eine sogenannte Hulk, ein zu Übungszwecken umgebautes Schiff, das nicht mehr seetüchtig ist.

In Neustadt bildet Köster an der Außenstelle der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (AFS) Berufsfeuerwehrleute in der Brandbekämpfung auf See aus. Aus Schleswig-Holstein schicken die Wehren aus Lübeck, Kiel und Flensb

urg sowie Brunsbüttel – auch wenn dies keine Berufswehr ist – Leute an die AFS, um alle fünf Jahre Brandbekämpfung und Menschenrettung im Falle einer Havarie zu üben. Auch aus Rostock, Stralsund und Cuxhaven sind diesmal Feuerwehrleute gekommen. Sie müssen los, wenn in der Deutschen See ein Schiff havariert und die Besatzung sich nicht mehr aus eigener Kraft helfen kann. Zur Not auch – wie in dieser Szene – mit dem Schlauchboot.

Zum Glück kommt dies nicht so oft vor. 2012 kam es nach neuesten Zahlen zu insgesamt 90 Seeunfällen in deutschen Gewässern, 76 davon waren leicht, ein

er, der Brand auf der Lisco Gloria vor Fehmarn, hingegen schwer. Hier kamen die Wehren von Land auf See zum Einsatz.

Brandbekämpfung ist nicht das einzige, was in Neustadt ausgebildet wird. Die Bundesrepublik ist eine der größten Seefahrernationen der Welt, ihre Handelsflotte schafft es im weltweiten Vergleich auf Platz drei, geht es nur nach der Anzahl der Containerschiffe, ist Deutschland sogar Spitzenreiter. Die Menschen, die diese Schiffe verantwortlich lenken, machen ihre Seepatente unter anderem in Neustadt bei der AFS – und lernen hier neben Nautik auch, wie sie im Katastrophenfall auf See überleben. Das Schiffssicherungstraining umfasst bis zu 14 Tage. Nur eines können die Neustädter nicht ausbilden, erklärt Schulleiter Dirk Bause: das Verlassen eines Havaristen mit einem Rettungsboot.

Dazu muss das AFS auf die Anlagen der Schleswig-Holsteinischen Seemannsschule in Lübeck-Travemünde ausweichen. Die seemännische Berufsschule bildet jährlich nicht nur um die 200 Seeleute aus, sondern zudem rund 600 weiter, wie Schulleiter Holger Gabelmann erklärt. Außerdem würde auch hier in Brandbekämpfung geübt – wenn auch nicht auf dem Niveau wie in Neu

stadt mit seiner Hulk.

Wenig Platz gibt es im Rettungsboot. (Foto: Ruff)

Wann die Rettungsboote bestiegen werden, hängt nicht zuletzt vom Schiffstyp ab, erklärt Ausbilder Hans-Michael Borchert seinen Kursteilnehmern. „Bei einem Passagierschiff gilt es, schnell die Passagiere von Bord zu bringen.“ Hier werden Ret

t

un

gsboote genutzt, die seitlich an der Reling hängen. Die Passagiere besteigen sie, während die Besatzung das Aussetzen klarmacht. In den kleinen orangenen, nahezu fensterlosen Booten haben maximal 16 Passagiere sowie drei Besatzungsmitglieder Platz. Der Bootsführer thront über allen in einer Art Ausguck. Unter ihm sitzen die Passagiere dicht an dicht – eine Panik wäre hier fatal. Im Bug gibt es zudem eine Luke, durch die der Vordermann das Boot nach dem Aussetzen vom Haken lösen kann. Hinten ist eine kleine Tür – auch von einem Bestatzungsmitglied besetzt, das nach dem Aussetzen den hinteren Haken vom Schiff löst. Mit an Bord: Proviant in Form von Proteinkeksen und Frischwasser für rund eine Woche. „Das reicht, um gefunden zu werden“, versichert Bootsführer Arnd  Geiger. „Schließlich bewegen wir uns nur auf Schifffahrtsrouten.“

Langsam senkt sich das Boot ins Wasser ab. Bei leichtem Seegang ist davon so gut wie nichts zu spüren. Doch selbst wenn die See rau und die Wellen hoch wären – diese Boote sind so gebaut, dass sie auch einmal komplett durchkentern könnten, weshalb alle Insassen festgeschnallt sein müssen.

„Bei einem Containerschiff ist die Lage natürlich ganz anders“, erklärt Borchert weiter. Hier gelte es, so lange wie möglich zu versuchen, Schiff und Ladung zu retten. „ Wenn Sie so ein Schiff verlassen, ist es auf den letzten Drücker.“ Entsprechend sind auch die Rettungsboote konstruiert. Auf den ersten Blick unterscheiden sie sich nicht von denen der Passagierschiffe. Anders als diese hängen sie aber nicht an der Reling, sondern sind in einem Winkel von etwa 45 Grad am Heck des Schiffes eingehängt. Darunter ein Abgrund von rund 16 Metern.

Im Inneren schnallt sich die Besatzung eng an eng in die Sitze, die mit dem Rücken in die Tiefe weisen. Rettungswesten müssen abgenommen werden, herumfliegende Gegenstände sicher verstaut – die Verletzungsgefahr wäre ansonsten zu hoch.

Sobald alle bereit sind, bedient der Bootsführer eine kleine Ölpumpe. Das Boot hebt sich Zentimeter für Zentimeter – und plötzlich ist es still. Dann platscht es. Tief taucht das Boot ins Wasser ein  und schnellt wieder an die Oberfläche; drinnen ist davon kaum etwas zu spüren – der Rücken allerdings tut Minuten später noch weh.

„Das muss ich wirklich nicht zu oft haben“, betont Kapitän Uwe Hansen nach der Übung. Seit 33 Jahren fährt er zur See. Containerschiffe. Weltweit. Regelmäßig übt er mit seinen Leuten den Havariefall. Wirklich ernst wurde es aber erst zweimal: „Einmal südlich der Bermudas, als ein Segelschiff untergegangen war und wir retten mussten.“ Und einmal, als sie bei Cape Hatteras vor den USA zwei Rettungsinseln im Wasser treiben sahen. „Wir haben dann festgestellt, dass sie verlassen waren. Aber seitdem weiß meine Mannschaft, wie wichtig es ist zu üben.“

(Der Text ist als Artikel unter der Überschift “Alarm auf der Schahörn” am 29.06.2013 in der “Schleswig-Holstein am Sonntag” erschienen.)

Feuertaufe

Es ist dunkel. Eine Farbe irgendwo zwischen grau und orange. Die Sicht liegt im Zenti- gefühlt im Millimeterbereich. Wenige Meter weiter vorne knistert und kracht es. Das Feuer breitet sich aus. Zu sehen ist nichts. Aber zu fühlen: Es wird heiß.
Langsam krieche ich meinem Vordermann hinterher. Dem Feuer entgegen. Nervös beobachte ich die Luft über und vor mir. Sind da schon die ersten Flying Angels zu sehen? So nennen Feuerwehrleute die Vorboten eines Roll-Over, bei dem das Feuer im Raum einmal durchzündet. Schlagartig brennt der ganze Raum dann lichterloh.

Bei einem Feuer entstehen Verbrennungs- und Pyrolysegase. Können diese nicht abziehen, steigt die Hitze an der Decke des Raumes auf bis zu 600 Grad Celsius an. Schlagartig können diese Gase dann durchzünden. Roll-Over. Fast der ganze Raum brennt nun; bis auf einen etwa anderthalb Meter hohen Streifen direkt über dem Boden, wo immer noch um die 100 Grad herrschen. Die sogenannten Flying Angels sind erste kleine Durchzündungen. Sie sehen aus wie fliegende Engel. Wunderschön und angsteinflößend.

So weit die Theorie. Wir werden, das hat der Ausbilder im Vorfeld versprochen, in dieser Übung im Brandgewöhnungscontainer einen Roll-Over erleben. Ich hasse Feuer. Das ist mir jetzt klar. Es soll ja Feuerwehrleute geben, die zündeln, weil sie so scharf auf einen Brand sind – ich gehöre ganz bestimmt nicht zu diesem Typus. Spätestens jetzt weiß ich definitiv, dass ich bei der Wehr bin, weil ich Feuer nicht ausstehen kann. Ausgenommen Lagerfeuer natürlich.

Mittlerweile bin ich an die Spitze der Schlange vorgerückt. Es ist nun an mir, den Schlauch in  die Hand zu nehmen und den Brand zu bekämpfen. Als erstes richte ich das sogenannte Hohlstrahlrohr kurz über mich und gebe einen kurzen Stoß ab. Ein Test, um festzustellen, wie heiß die Luft da oben an der Decke ist, wie hoch die Gefahr eines Roll-Overs. Es kommen kaum Tropfen zurück – verdammt heiß also. Ich richte meinen Blick auf das Feuer. Und tatsächlich: Da sind sie, die Flying Angels. Schnell und gezielt gebe ich kurze Wasserstöße rechts und links auf das Feuer, um dies abzukühlen. Drei-, viermal. Dann ist der nächste dran. Ich verlasse derweil kurz den Container. Meine Handschuhe sind da vorne so heiß geworden, dass ich das Gefühl habe, die Handaußenflächen verbrennen darin.

Feuerwehrleute haben beim Brandeinsatz eine Schutzkleidung an, die Hitze abweist. Und in der Tat fühlt es sich nicht so an, als hockten wir da drinnen bei Temperaturen von 100 Grad und mehr. Allerdings merke ich sofort, wenn ich den Kopf etwas höher hebe, um besser gucken zu können, wie der innere Ring meines Stahlhelms heiß wird und sich in die Kopfhaut zu brennen scheint.

Während ich draußen also abkühle, zündet es drinnen durch. Meine Kameraden berichten mir später, dass die Flammen „total schön“ über sie hinweggetanzt seien. Wieder drinnen, rücke ich zur Brandbekämpfung mit einem zweiten Kameraden vor. Immer zwei Kriechschritte, dann zwei kurze Sprühstrahle. Wir nähern uns den Flammen bis auf circa zwei Meter. Stoß rechts, Stoß links, vor. Stoß rechts, Stoß links vor. Vorne Stoß, Stoß. Pause. Dann wieder Stoß, Stoß – ich sehe, wie das Feuer an einigen Stellen erlischt. Das bringt Spaß! Doch ich muss an den nächsten abgeben und reihe mich wieder hinten in der Schlange ein.

Alle Atemschutzgeräteträger sollten aus meiner Sicht einer solchen Übung in den Brandgewöhnungscontainer. Ich möchte auch beim nächsten Mal wieder dabei sein. Denn ich hasse Feuer – und es ist super, das Löschen eines solchen einmal unter halbwegs realen Bedingungen zu üben.

ABC im Einsatz

Alarm! Mit sechs Fahrzeugen rücken wir aus. Die Lage ist noch nicht klar und so muss ich mir als Einsatzleiterin vor Ort erst einmal einen Überblick verschaffen. Aber was gehört hier zum Szenario und was ist nur zufällig da? Der orangene Bully etwa? Ne – scheint nur geparkt. Später stellt sich allerdings heraus, dass der Wagen durchaus zur Übung gehört…

Es ist der letzte Abend des ABC-Lehrganges. Diesmal sollen wir in der Praxis beweisen, wieviel von der Theorie hängen geblieben ist. Am eindrucksvollsten sind dabei die Fehler – ihre Konsequenzen werde ich wohl so schnell nicht mehr vergessen. Wie etwa jener mit dem Bully. Er hat am Heck eine kleine orangene Plackete, die auf Gefahrgut hinweist. Allerdings in exakt der Farbe des Bullys, wodurch ich das übersehen habe. Auf der Seitentür klebt zudem ein Warnschild, dass radioaktives Material der Gefahrenstufe drei geladen sei. Doch hinter dem Lenkrad sitzt noch der verunfallte Fahrer. Was ist zu tun? Den Mann unter Atemschutz so schnell wie möglich bergen, danach eine Sperrzone einrichten und den Löschzug Gefahrgut (LZG) für alles Weitere alarmieren.

Etwas weiter ist ein Gefahrguttransporter mit einem Pkw auf einer Brücke zusammengestoßen. Der Einsatzort der zweiten Gruppe. Flüssigkeit läuft aus dem Lkw in den Fluss – eine dritte Gruppe macht sich auf und baut mit der Feuerwehrleiter, einer Plastikplane, vier Pflöcken und zwei Feuerwehrleinen eine Ölsperre.

An der Unfallstelle auf der Brücke schickt die Gruppenführerin unterdessen zwei Atemschützer vor, um eine der verunfallten Personen zu retten. Kaum sind die drei zurück, geht der nächste Trupp los und rettet die zweite Person aus der Unfallstelle. Dabei passiert der nächste Fehler: Zwar hält sich die Gruppe in ausreichendem Abstand zur Unfallstelle auf, doch wurde vergessen, eine deutlich sichtbare Sperre und eine Dekontaminationszone einzurichten. Darum laufen die, die bis zur Unfallstelle vorgerückt waren und eventuell mit Giftstoffen in Berührung kamen, nun zwischen denen, die noch nichts abbekommen haben – und könnten diese im ernstfall ebenfalls kontaminieren. Deutlich sichtbare Zonen müssen also in jedem Fall als erstes eingerichtet werden…

Ein dritter Trupp rückt nun an der Unfallstelle vor. Er soll erkunden, was für Stoffe der Lkw geladen hat – und was da ausläuft. Als er zurückkommt, hat einer der beiden nasse Stiefel, wie die Ausbilderin bemerkt. An einem Tag ohne Regen. Er muss also durch kontaminiertes Gras gelaufen sein. Ein weiterer Fehler, aus dem ich lerne, dass jene, die aus einer Gefahrenzone zurückkommen immer von Kopf bis Fuß ganz genau in Augenschein genommen werden müssen.

Als nun Dank des Gefahrgutbestimmungsbuches die Stoffe ermittelt sind, ist klar, dass der LZG alarmiert werden muss. Für die örtliche Feuerwehr bleibt nur noch die Absicherung der Unfallstelle.

Am Ende sind die Ausbilder mit uns zufrieden. Wir haben unsere Sache gut gemacht. Trotz einiger Fehler. Und ich bin total beeindruckt davon, was es in einer solchen Gefahrenlage alles zu bedenken gilt. Etwa auch, dass auslaufende Flüssigkeiten nicht einfach mit einem x-beliebigen Behältnis aufgefangen werden dürfen, da sie damit reagieren könnten, sondern nur mit Plastikwannen…

Nach C und A kommt B

C und A haben wir theoretisch abgehakt – bleibt B, also biologisch. Da gilt es vor allem zu vermeiden, dass Feuerwehrleute sich während eines Einsatzes mit Krankheitserregern infizieren. Also etwa bei einer technischen Hilfe, bei einem Unfall-Einsatz, wo der Verunfallte an einer ansteckenden Krankheit wie Hepatitis oder AIDS leiden könnte oder der Transporter entsprechende Blutproben geladen hat.

Wie auch bei A und C gibt es bei den B-Stoffen verschiedene Gefahrengruppen. Sie richten sich nach der sogenannten Pathogenität, also danach, wie ansteckend ein Virus beziehungsweise Bakterium ist. Wichtig sind zudem die Kriterien der Übertragbarkeit, des Risikos für Menschen beziehungsweise Tiere und die Behandlungsmöglichkeiten. Gruppe 1 ist ungefährlich, hier können Feuerwehrleute in normaler Einsatzkleidung arbeiten. Gruppe 2 erfordert besondere Schutzkleidung und Atemschutz – in diese Gruppe fällt etwa der HI-Virus. Und Gruppe 3 braucht zudem einen Fachberater, hier geht es dann um so ein Teufelszeug wie den Ebola-Virus.

Das allein ist schon keine schöne Vorstellung. Doch die Feuerwehr wird auch hinzugerufen, wenn ein Anschlag mit biologischen Stoffen befürchtet wird – etwa mit dem Milzbranderreger Antrax, wie es erst kürzlich in den USA vorkam. Das allerdings ist sehr selten. Häufiger kommt es da schon vor, dass Kampfstoffe aus dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg gefunden werden. Dies können biologische wie chemische Stoffe sein – und damit schließt sich der Kreis zum C.

Chemische Kampfstoffe durchdringen die Kleidung, sie wirken unter anderem auf die Atemwege und oftmals geben sie sich erst zu erkennen, wenn eine Rettung nicht mehr möglich ist. Das wiederum macht die halbverwitterten Funde vor allem an Nord- und Ostsee um so gefährlicher. Denn anders als bei einem Gefahrguttransport sind diese Stoffe nicht deutlich gekennzeichnet. Sie lassen sich nur über ihr Aussehen, ihren Geruch oder ihre Wirkung identifizieren. Wie hautschädigende Stoffe etwa, die schillernde Tropfen oder Flecken unterschiedlicher Farbe bilden und nach Merrettich, Zwiebel oder Senf riechen. Oder die lungenschädigenden – sie verbreiten eine modrig-süßen Geruch. Nervengifte hingegen sind nicht wahrnehmbar. Sie geben sich erst zu erkennen, wenn sie schon auf den Körper einwirken.

So viel zur Theorie. Und damit ist der Kurs auch schon fast abgeschlossen. Was noch fehlt, ist die Praxis – sie kommt in der Abschlussprüfung dran…

 

Die atomare Gefahr

Wer an atomare Unfälle denkt, denkt häufig in großen Dimensionen – Fukushima oder ein Castor-Unfall etwa. Mir zumindest geht das so. Atom war für mich eigentlich immer gleichzusetzen mit Atomkraftwerken. Dabei kommt Atomares in unserem täglichen Leben wirklich häufig vor und es gibt neben den AKWs noch so viele andere – wenn auch deutlich kleinere – atomare Gefahrenquellen, die zu einem Problem werden und einen Feuerwehreinsatz erforderlich machen können.

So gibt es Medikamente – unter anderem für die Strahlentherapie – die auf atomaren Stoffen basieren, Messgeräte, die nur mit solchen Stoffen funktionieren, Röntgenapparate, aber eben auch Atomtechniken bis hin zum Atomkraftwerk. Entsprechend häufig werden atomare Stoffe, zum Teil in ganz kleinen Mengen, auf Schleswig-Holsteins Straßen transportiert. Was aber, wenn ein solches Fahrzeug verunfallt oder es in der Radiologie eines Krankenhauses zu brennen beginnt?

Zunächst einmal ist radioaktive Strahlung etwas ganz Normales. Sie existiert unter anderem als Erd- oder kosmische Strahlung, wir nehmen sie über das Essen in uns auf oder etwa beim Rauchen. Für Menschen ist eine tägliche Strahlenbelastung von 2,4 Millisievert völlig normal und ungefährlich. Körperlich spüren lässt sich atomare Strahlung ab einem Sievert – dann allerdings auch gleich mit starken unmittelbaren und heftigen langfristigen Nebenwirkungen wie etwa Krebs. Soviel zur Einordnung der Messwerte, die für die Arbeit mit atomaren Stoffen entscheidend sind.

Außerdem sind nicht alle radioaktiven Stoffe gleich gefährlich. So gibt es jene, die eine sogenannte Alpha-Strahlung aussenden. Diese reicht nur 20 Zentimeter weit und ist mit einem Blatt Papier oder normaler Feuerwehr-Einsatzkleidung gut abzuhalten; um sie nicht einzuatmen, sollte zudem Atemschutz getragen werden. Beta-Strahlung ist schon deutlich stärker. Sie reicht etwa zehn Meter weit, kann aber von vier Millimeter dickem Alu oder 15 Seiten Papier abgehalten werden. Bei einem Einsatz mit solcher Strahlung sollte ein Schutzanzug angelegt werden. Und schließlich sind da die wirklich gefährlichen Stoffe wie Uran und Plutonium, die Gamma-Strahlen aussenden. Diese reichen theroretisch unendlich weit, und man kann sich vor ihnen nur mit Blei schützen.

So viel zur Theorie. Und in der Praxis? Wenn eine Wehr zu einem Unfall mit einem Fahrzeug kommt, dessen Kennzeichung auf radioaktives Material hinweist, muss sie diesen zunächst – wie auch bei den chemischen Stoffen – bestimmen. Dann ist schon einmal klar, um welchen Strahlungstyp es sich handelt, welcher Abstand einzuhalten ist und ob die Wehr den Einsatz alleine bewältigen kann oder den Löschzug Gefahrgut (LZG) hinzurufen muss. Grundsätzlich sollte dieser 50 Meter betragen – was bei Alpha- und Betastrahlen ja schon ausreicht, um nicht kontaminiert zu werden – näher sollte nur herangehen, wer Schutzkleidung und Atemschutz trägt. Zudem sollte sich dort niemand lange aufhalten.

Die zumutbaren Grenzwerte für einen Einsatz mit atomaren Stoffen sind übrigens gesetzlich festgelegt: Sind Sachwerte in Gefahr, dürfen Feuerwehrleute im Einsatz maximal 15 Millisievert abbekommen. Spezielle Messgeräte stoßen nach Erreichen dieses Wertes einen Alarm aus. Muss zudem eine Schadensausweitung verhindert werden, sind, einmal im Jahr, 100 Millisievert zulässig. Dadurch steigt das Risiko, an Krebs zu erkranken, um das 0,000000001-Fache an. Und gilt es Menschen zu retten, dürfen – einmal im Leben einer Einsatzkraft – 250 Millisievert auf diese einwirken. Das aber ist, so der Kursleiter, in Deutschland noch nie vorgekommen.

Alles in allem klingt das schon beruhigend. Ich hoffe dennoch, niemals einen solchen Einsatz machen zu müssen!

3500 gefährliche Stoffe

Die Masse ist beeindruckend: Rund 3500 gefährliche Stoffe sind derzeit im Umlauf. Und häufig auf Deutschlands Straßen anzutreffen. Nicht immer in großen Mengen, bisweilen sind es sogar nur kleine Fläschchen, die in Pkws transportiert werden. Es gibt aber auch Lkws, die randvoll mit hochgiftigen Gasen sind; außen abgetapt, damit auch ja nichts entweicht, fahren sie über unsere Autobahnen. Auch hier im Norden. So lange sie alle rollen, Pkws wie Lkws, – besteht keine Gefahr. Aber sollten sie einmal in den Graben rutschen oder in einen schweren Unfall verwickelt sein…

Wenn es dann kracht, gilt es schnell zu handeln. Doch wie? Eine erste Informationshilfe über die richtigen Maßnahmen am Einsatzort sind die Gefahrentafeln, die über eine Nummer den beförderten Stoff kenntlich machen. Anhand dieser Nummer kann die Wehr, die als erste vor Ort ist, in einem speziellen Nachschlagewerk nicht nur sehen, um welchen Stoff es sich handelt, sondern zugleich, wie sie sich ihm nähern darf und wie doll der Bereich gesichert beziehungsweise abgesperrt werden muss. Reicht etwa Atemschutz aus, oder muss ein Chemikalienschutzanzug angelegt werden – dann ist auch der Löschzug Gefahrgut (LZG) zu alarmieren. Darf Wasser eingesetzt werden oder würde dies zu einer starken chemischen Reaktion führen? Reicht eine 50-Meter Sicherheitszone um das verunfallte Fahrzeug herum oder braucht es gar eine Ein-Kilometer-Zone, die geräumt oder evakuiert werden muss?

Das besagte Nachschlagewerk ist faszinierend effizient und ersetzt am Einsatzort mit seiner Stärke von knapp zwei Zentimetern in DIN A-5 ein Kompendium von gut einem Regalmeter in DIN A-4. Dennoch lohnt es sich auch nach der Identifizierung und Erkenntnis über die ersten Maßnahmen noch einmal etwa beim LZG nachzufragen – und genau zu lesen. Wenn etwa der Fahrer eines verunfallten Lkws sagt, er habe Natriumchlorid geladen, ist das “d” mehr als entscheidend. Denn dann ist es schlichtes Speisesalz, und das ist völlig ungefährlich. NatriumchloriT, also mit “t” hingegen ist in höchstem Maße giftig und ätzend.

Das ABC der Gefahren

Es klingt erst einmal nicht so, als würde eine kleine Dorfwehr wie die meine jemals mit solchen Themen zu tun haben: Einsätze mit atomaren, biologischen und chemischen Gefahren. Bei uns? Bestimmt nicht.

Dabei kann es in der Tat ganz schnell dazu kommen, etwa, wenn eine Röntgenpraxis brennt, ein Gefahrguttransport auf der Kreisstraße verunglückt, eine Biogasanlage brennt – oder schlicht bei einem Autounfall. Dann zum Beispiel droht eine biologische Gefahr, schließlich könnte die verunfallte Person an einer ansteckenden Krankheit wie AIDS oder Hepatitis leiden…

Für all diese Gefahren beim Einsatz soll der Kurs “ABC-Modul I” sensibilisieren. Es geht nicht so sehr darum, Gefahrgutkennzeichnungen auswendig zu lernen; dafür gibt es Nachschlagewerke, die im Zweifel zuverlässiger sind. Sondern darum, erst einmal zu erkennen, dass eine besondere Gefahrensituation besteht und wie darauf zu reagieren ist. Kann ich mich zum Beispiel dem bewusstlosen Fahrer eines im Graben gelandeten Kesselwagens mit Gefahrgutkennzeichnung nähern oder nicht? Ist in einem solchen Fall der Tanklastzug nicht beschädigt, besteht natürlich auch kein Grund, dem Mann nicht zu helfen. Tritt hingegen etwas aus, muss der Stoff bestimmt werden, eventuell eine Absperrung gegen die weitere Ausbreitung errichtet werden, vielleicht gar der Löschzug Gefahrgut zur Unterstützung herbeigerufen werden. Denn oftmals – Gefahrgüter sind in drei Gefahrenstufen unterteilt – darf der betroffene Bereich nur mit einer Sonderaussrüstung betreten werden.

In jedem Fall gilt es, eine Inkorporation, also die Aufnahme gefährlicher Stoffe in den Körper (über Körperöffnungen oder die Haut), eine Kontamination, also Verunreinigung mit ABC-Stoffen oder eine Kontaminationsverschleppung, zum Beispiel durch das Breittreten giftiger Stoffe, zu verhindern.

Auf dem Bock eines 7,5-Tonners

Eine Weile ist es auf dieser Seite recht ruhig gewesen – wer sich darüber wundert: Es gab verschiedene Gründe. Vornehmlich organisatorische. Schade. Denn es ist in der Zeit durchaus viel passiert.

So hat meine Wehr etwa ein neues Einsatzfahrzeug bekommen – ein Staffel-LF 6/10 -, das schon vor der öffentlichen Indienststellung drei Einsätze fahren musste. Von ihnen kann und konnte ich hier leider nicht berichten, da ich gerade schwanger bin, also nicht live dabei war.

Dafür aber kann ich euch erzählen, was es bedeutet, ein solches Gefährt sicher zum Einsatzort zu fahren. Denn ich mache gerade eine Art Zusatzführerschein für unseren 7,5-Tonner. Lkw-Fahrern dürfte das nur ein müdes Lächeln entlocken. Mir allerdings hat es in den ersten zwei von vier Praxisstunden sehr viel Spaß gemacht!

Beeindruckend, wie breit ein solches Auto ist. Vor allem auf den kleinen Straßen Schleswig-Holsteins, die mit ihren drei Metern oftmals genau der Spurbreite des Fahrzeugs entsprechen – ohne Außenspiegel. Dafür galt es zunächst einmal, ein Gefühl zu entwickeln. Zudem ist die Sicht in einem solchen Gefährt vor allem von toten Winkeln geprägt – auch das richtig abzuschätzen musste und muss ich erst lernen. Schade nur, dass zu einer solchen Übung nicht auch das Fahren mit Blaulicht gehört … ;-)

Erschreckend

Es gibt Einsätze, die mag ich mir nicht einmal vorstellen. Gestern habe ich eine Vorstellung von einem solchen möglichen Einsatz bekommen. Die Atemschutzgeräteträger einiger Gemeinden hatten sich bei einem Pflegeheim eingefunden. Es gab dort schon mehrfach Übungen – die auch so einige Probleme ans Licht förderten – und nun sollte eine Begehung weitere Klarheit bringen.

Die erste Erkenntnis: Drehleitern können dort nicht eingesetzt werden. Das bedeutet, dass die alten, zum Teil bettlägrigen und/oder schwer verwirrten Menschen über Steckleitern aus den Fenstern gerettet werden müssen.

Im Innenbreich dann erwartete uns das reinste Labyrinth. Da fiel schon bei guter Sicht die Orientierung schwer. Wie soll das erst werden, wenn vor lauter Rauch die Hand vor den Augen nicht mehr zu sehen sein wird? Zudem die Brandschutzvorrichtungen in dem Gebäude eher zu wünschen übrig lassen. Auch wenn der Betreiber bereits nachrüstet. Es gibt verschlossene Türen zu Hauf (da die Dementen ja nicht weglaufen dürfen), enge Gänge, verwinkelte Holztreppen. Ganz abgesehen von acht Fluchtmasken für 57 Bewohner, einen Raum für die Druckbefüllung von Sauerstoffflaschen – aber keine entsprechenden Feuerlöscher – und zahlreiche Flaschen mit brennbaren Materialien in der Werkstatt des Hausmeisters…

In der Nachbesprechung teilte uns der Wehrführer der zuständigen Ortswehr dann nicht nur mit, dass die Feuerwehr auf eigene Kosten nun Fluchtschutzhauben für die Bewohner nachrüsten werde, da der private Träger diese Investition nicht stemmen könne. Zudem machte der Mann uns keinerlei Illusionen: Er habe das Brandszenario gemeinsam mit einem Fachmann mehrfach durchgespielt. Wenn alles gutgeht und wir von der Feuerwehr alles richtig machen, dann können wir mit etwas Glück 40 Prozent der Bewohner retten. 40 Prozent! Und das ist mit den Brandschutzbestimmungen vereinbar – da das alte Gemäuer nicht viel mehr zulässt. Und das Heim sonst geschlossen werden müsste. Darum kann ich nach der gestrigen Begehung nur sagen: Bei der Wahl eines Pflegeheimes sollten man immer auch die Flucht aus Selbigem im Auge haben.