Nach zwei Wochen dem Ende des Selbstversuches kommt hier mein Erfahrungsbericht.
Die Sonne ist schon lange untergegangen, es ist deutlich nach 19 Uhr. Der Redaktionsschluss, der Feierabend, rückt immer näher. Es ist ruhig, keine einzige Stimme ist im Büro zu hören, kein Telefon klingelt. Die Augen der Redakteure sind starr auf die Bildschirme gerichtet, die letzten Zeilen werden getippt, die letzten Texte redigiert. Doch ein Kollege lässt seinen Blick immer wieder durch den Raum und zum Fenster schweifen. Er schaut auf seine Armbanduhr, beißt sich auf die Lippe, kratzt sich am Hinterkopf. Dann blickt er wieder zum Fenster in die Dunkelheit hinaus. Er wirkt unkonzentriert, leicht nervös, gedanklich nicht bei der Sache. Dieser Kollege bin ich.
Alles ist kalt
Ich finde keine Ruhe, keinen Zugang zu dem Artikel, den ich schreiben soll. Ständig sind sie da diese Gedanken, diese Ängste, diese Befürchtungen in meinem Kopf. Sie lassen sich nicht beiseite schieben, sie lassen mich nicht los, sie hängen wie eine Klette in meinem Gedanken fest und hindern mich an der Arbeit. Es sind immer wieder dieselben Bilder, die mir durch den Kopf schießen: Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie ich am Abend müde nach Hause komme. Ich schließe die Tür auf, es ist dunkel. Mir kommt direkt ein Schwall kalter Luft entgegen, die Wohnung ist ausgekühlt, draußen sind es minus zwölf Grad. Ein Zucken geht durch meinen Körper. Ich drücke auf den Lichtschalter, nichts passiert.
Dann greife ich mir ein Streichholz aus der Schachtel, die auf dem Tisch liegt und zünde eine Kerze an. Mein Atem dampft im Kerzenschein, meine Wangen und Ohren beginnen zu frieren. Ich halte die Kerze nah an das Thermometer, es zeigt sechs Grad an, Kühlschranktemperatur. Es ist kalt. Der Tisch ist kalt, meine Kleidung auf dem Stuhl ist kalt, der Toilettendeckel aus Holz ist kalt. Die Wasserflaschen sind kalt, das Brot ist kalt, die Schuhe sind kalt. Alles ist kalt. Ich finde nichts, woran ich mich ein bisschen aufwärmen kann. Einen Ofen habe ich nicht, dafür ist die Wohnung überhaupt nicht gedacht.
Ich kann mich nicht konzentrieren
Es ist ungemütlich, ich fühle mich nicht wohl. Ich reibe meine Hände aneinander, hauche sie an. Sie werden nicht warm. Mein Verstand sagt mir, dass ich mich bewegen soll, dann produzieren die Muskeln Wärme. Aber ich kann nicht, ich fühle mich wie gelähmt. Jede Bewegung lässt mich noch mehr frieren, an den Händen, im Gesicht, an den Ohren. An den Füßen trage ich dicke Wollsocken, darüber eine lange Thermo-Unterhose und eine Jeans, obenherum ein T-Shirt, einen Pullover und eine gefütterte Herbstjacke. Frieren tue ich nicht, warm ist mir aber auch nicht wirklich. Ich sitze am Küchentisch. Vor mir liegt ein Buch, in der rechten Hand halte ich eine Kerze. Ich sehe auf die geschriebenen Worte, aber sie sagen mir nichts. Wie leere Phrasen ziehen ganze gelesene Absätze an mir vorbei. Ich weiß nicht mehr, was ich zwei, drei Sätze zuvor gelesen habe. Ich kann mich nicht konzentrieren – es ist zu kalt.
Ich mache eine Pause. Meine Füße fühlen sich an, als wäre ich gerade von einem halbstündigen Spaziergang barfuß durch den Schnee zurückgekehrt. Ich spüre, wie die Kälte langsam, fast behutsam von dort die Beine hochkriecht. Auf diesen Augenblick habe ich gewartet, die ganze Zeit schon. Ich weiß, jetzt packt sie mich. Wie ein Geschwür breitet sie sich unaufhaltsam auf den ganzen Körper aus, ich bin machtlos, geschlagen. Ich zittere, nun friere ich am ganzen Leib. Ich stehe auf, gehe durch den Raum, strampel mit Armen und Beinen, hüpfe – alles vergeblich, mir wird nicht mehr warm. An diesem Abend gewinnt die Kälte unseren persönlichen Hase- und-Igel-Wettlauf. Sie gewinnt fast immer
Es ist ein unterträgliches Gefühl
Es ist unerträglich, abends zitternd in der Wohnung zu sitzen. Wie jeden Abend versuche ich, mich irgendwie warm zu halten. Ein anderer Gedanke treibt mich nicht um. Das gewohnte Privatleben existiert nicht mehr, Entspannung für die Seele gibt es nicht. Stattdessen gleicht jeder Tag dem anderen, an Monotonie sind sie nicht zu übertreffen: Mir fehlt das Geld, um auswärtig etwas zu essen, Freunde zu besuchen oder mir neue Kleidung zu kaufen. Umgekehrt will mich niemand besuchen in der Kälte. Auf einen Schlag bin ich vom gesellschaftlichen Leben weitgehend ausgeschlossen. Ich fühle mich zusätzlich bestraft.
Es ist ein unerträgliches Gefühl, bibbernd vor Kälte ins kalte Bett zu schlüpfen. Dann liege ich dort, hellwach, mit zwei Schichten Kleidung am Leib und zittere mich minutenlang warm. Die ersten Nächte versuche ich ohne Schlafsack auszukommen, decke mich nur mit meiner Biber-Bettwäsche zu. Selbst nachts bin ich nicht vor der Kälte sicher. Ich wache mehrfach auf, mein Gesicht ist kalt, die Füße eisig. Auch dicke Socken schützen die Füße nachts nicht ausreichend. Es ist nicht auszuhalten. Erst im Schlafsack mit der Bettdecke darüber bibbere ich nachts nicht mehr.
Jedes Händeschütteln, Waschen oder Tragen schmerzt
Jeden Abend bange ich, ob es mir gelingt, dies zu vermeiden. Etwas anderes beschäftigt mich nach dem Feierabend nicht. Meine Gedanken kreisen nur um das eine: Wie wird mir verdammt nochmal warm? Und zwar jetzt, sofort! Die Tage sind quälend lang. Ich zähle jeden einzelnen Tag, jede einzelne Stunde, bis zum Versuchsende einzeln herunter. Fernseher, Handy, Internet – all das vermisse ich kein bisschen, solange ich friere. Auch kein elektrisches Licht oder eine gekochte Mahlzeit, Hauptsache ich friere nicht mehr, mehr will ich gar nicht. Es ist ein unvorstellbar grausames Gefühl, wenn es am Nötigsten mangelt, wenn die menschlichen Grundbedürfnisse nicht befriedigt sind, nicht allein befriedigt werden können. Mein Gehirn spielt verrückt, es signalisiert mir Existenznöte. Der nackte Kampf ums Überleben hat begonnen, das ist psychische Folter, das ist ungemein brutal und geht an die Substanz. Der ununterbrochene Stress für den Geist zeigt auch äußerlich Wirkung: Poren im Gesicht verstopfen, ich bekomme Pickel, sehe aus wie ein Streuselkuchen. Ich traue mich kaum noch, in den Spiegel zu schauen, ekle mich vor mir selbst. Die Haut meiner Hände trocknet aus, wird porös wie die eines Greises, bekommt Risse und blutet.
Jedes Händeschütteln, Waschen oder Tragen schmerzt. Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst. Ich versuche mich abzulenken, denke daran, dass es vielen Menschen noch deutlich schlechter geht als mir. Doch das hilft nichts, zu sehr ist der Geist auf das eigene Leid fixiert. Schon sehr früh stelle ich fest, ein Leben ohne Strom ist in unserer Gesellschaft menschenunwürdig, nicht zumutbar. An diesem Urteil gibt es für mich bis jetzt nichts zu rütteln.
“Ich habe extra für dich das Wohnzimmer geheizt”
Das ist eine bittere Erkenntnis, aber wenig überraschend: Vor wenigen Tagen noch mangelte es mir an nichts im Leben, plötzlich bin ich in der Bedürfnispyramide ganz unten angekommen. Ich befinde mich im freien Fall. Wie tief falle ich noch? Wann habe ich endlich wieder festen Boden unter den Füßen, die Talsohle durchschritten? Ich weiß es nicht. Diese Ungewissheit ist quälend, schier unerträglich. Wie ein rettender Fallschirm erscheint die Hilfe meines Umfelds, Kollegen und Leser, die Anteil an meinem Schicksal nehmen. Ohne sie wäre ich verloren, würde aufgeben. Ein Kollege lädt mich zu sich nach Hause ein, zum gemeinsamen Fußballschauen. Vom Zeitpunkt der Einladung an, zwei Tage vor dem tatsächlichen Termin, fiebere ich dem Treffen entgegen, wie ein kleines Kind der Weihnachtsbescherung. In mir keimt erstmals Hoffnung auf, dass der körperliche und geistige Verfall fürs Erste gestoppt werden könnte, ich sehe endlich Licht am Ende des Tunnels. Endlich habe ich ein Ziel vor Augen, auf das ich hinarbeiten kann. Ein erster Gipfel, den ich erklimmen kann. Meine Stimmung hellt sich schlagartig auf.
“Ding Dong”, die Klingel hallt durch das ganze Haus. Es ist Sonnabendnachmittag, 15.11 Uhr. Mein Kollege öffnet die Tür, er lächelt freundlich. “Ich habe extra für dich das Wohnzimmer ordentlich mit dem Kamin geheizt”, sagt er. Ich blicke ihn bedröppelt an. Es ist mir unangenehm, dass er sich eigens für mich solche Mühe gibt. Ich betrete das Wohnzimmer. Das Zimmer ist kuschlig warm, es sind bestimmt gut 20 Grad. Im Kamin lodern einige Holzscheite vor sich hin. Ich atme tief durch und merke, wie sich ein warmer Schleier über meinen Körper legt. Mein Herz pocht wie wild, ich bin glücklich.
Ich fühle, wie abhängig ich von der Hilfe anderer bin
Doch meine Freude weicht für einen kurzen Moment, ich bekomme ein schlechtes Gewissen. Plötzlich fühle ich mich wie ein Bedürftiger, dem für einige Stunden ein Obdach gewährt wird. Es klingt verrückt, aber ich spüre, wie sehr ich mich nach diesen Stunden gesehnt habe. Dadurch wird mir klar, wie hilflos und verloren ich ohne die Unterstützung meines Kollegen wäre. Diesen ekstatischen Zustand habe ich ihm und seiner Nächstenliebe zu verdanken. Mein Wohl liegt in seinen Händen. Ich fühle, wie abhängig ich von der Hilfe anderer bin.
“Möchtest du einen Tee?” Die Frage der Frau meines Kollegen reißt mich jäh aus meiner Melancholie. “Ja bitte, das wäre sehr nett.” Mein Herz pocht wieder, ich bin glücklich, die Zweifel sind zerstreut. Der Duft des Tees betört meine Sinne. Es ist das erste warme Getränk seit fast einer Woche. Jeder Schluck ist ein Genuss. Ich habe es mir auf dem Sofa gemütlich gemacht und plaudere losgelöst wie ein Wasserfall mit meinem Kollegen und seiner Familie. Obwohl ich bekennender Fußballfan bin, wird die Sportübertragung im Fernsehen zur absoluten Nebensache für mich, sie ist mir praktisch gleichgültig.
Mein innerer Akku ist wieder aufgeladen
Zum ersten Mal seit der Strom-Abschaltung kann ich mich entspannen, kann meinem von Überlebensängsten stressgeplagten Geist eine Auszeit gönnen. Es ist Urlaub für die Seele, das tut richtig gut. Aber auch der Körper kommt nicht zu kurz. Nach dem Fußball bekomme ich Nudeln mit Bolognesesauce und Parmesankäse serviert. Ich fühle mich wie ein Kaiser, schöner kann es nur im Paradies sein. Hemmungslos schlemme ich drauflos, esse so viel wie ich kann. Ich spüre, wie der Körper instinktiv den Kohlenhydratspeicher als Dämmschutz gegen die Kälte aufladen will. Als ich wenig später wieder gehe, merke ich, wie wohltuend die letzten Stunden waren. Nie zuvor habe ich Gastfreundschaft so zu schätzen gewusst, wie an diesem Tag.
Mein innerer Akku ist wieder aufgeladen. Ohne diesen Energieschub, ohne die Unterstützung meines Kollegen, ohne mein Umfeld, wäre ich innerhalb der nächsten Tage auf der Strecke geblieben. Meine Durchhaltekraft ist schon nach wenigen Tagen am Gefrierpunkt angelangt. Die überwältigende Resonanz von Kollegen, Freunden und vor allem der Leser aus Schleswig-Holstein, die sich persönlich oder über den Blog auf shz.de bei mir gemeldet haben, wirkt wie Balsam für meine Seele. Und die hat es bitter nötig.
“Dürfte ich bei Ihnen meine Wäsche waschen?”
Vier Tage vorher, mein erster Tag ohne Strom: So schlimm ist das doch gar nicht, denke ich morgens. Natürlich ist es ungewohnt, Kerzen statt der Lampe zu benutzen und keinen Tee zum Frühstück trinken zu können. Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, dass mich die stromlose Zeit vor ernsthafte Herausforderungen stellt. Ich bin bester Dinge. Bücher habe ich mir zuhauf besorgt, mit Lesen will ich mir die Abende totschlagen. Irgendwie muss ich ja die Zeit ohne Fernsehen und Internet überbrücken, das ist meine größte Sorge. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich nicht einmal annähernd, wie überflüssig, wie nebensächlich diese Sorgen wenige Tage später für mich sind.
Hochaufgeschossen steht die Frau vor mir an der Haustür, die Arme vor der Brust verschränkt. Ich schätze sie auf Ende 40, das braune, schulterlange Haar trägt sie offen, sie wirkt sehr auf ihr Äußeres bedacht. Ich merke, wie sie mich in Sekundenbruchteilen mit kritischem Blick von oben bis unten mustert. Mir ist mulmig zumute, ich bin peinlich berührt. In meinen Händen halte ich einen blauen Plastik-Wäschekorb, prall gefüllt mit Dreckwäsche. “Guten Tag, ich traue mich kaum zu fragen, aber bei mir zu Hause funktioniert der Strom gerade nicht. Dürfte ich bei Ihnen meine Wäsche waschen?” Die Worte kommen mir schwer über die Lippen. Die Dame blickt mich missbilligend an, hält kurz inne, dann antwortet sie: “Nein, das möchte ich nicht. Außerdem ist unsere Waschmaschine momentan kaputt.” Ich schlucke kurz, dann verlasse ich das Grundstück.
Ein Waschsalon in Eutin? Fehlanzeige.
Ich nehme der Dame ihr Verhalten nicht übel, überhaupt kein bisschen. An ihrer Stelle hätte ich ganz sicher genauso gehandelt, denke ich. Als sie später von meinem Selbstversuch erfährt, erklärt sie sich wie selbstverständlich dazu bereit, meine Wäsche zu waschen. Ihre Maschine ist nicht defekt, das war lediglich eine Ausrede, um mich abzuwimmeln. “Sie sahen nicht ungepflegt aus, deshalb habe ich einen Moment lang gestutzt”, erklärt sie. “Aber einen Wildfremden ins Haus lassen? Nein, das mache ich nicht.” Ich ziehe mit meinem Wäschekorb weiter. Eine andere Frau hätte mich sofort waschen lassen. “Ich habe vor wenigen Monaten einen Bedürftigen an der Haustür abgewiesen, der mich um Geld bat”, erinnert sie sich. Dies bereue sie, zwei Wochen lang habe sie sich deshalb Vorwürfe gemacht.
Ansonsten mache ich bei meinen stichprobenartigen Versuchen fast überall ähnliche Erfahrungen wie bei der ersten Dame. Zunächst stoße ich auf spontane Ablehnung, sobald ich mich zu erkennen gebe, ist die Hilfsbereitschaft überwältigend. Ich bin überrascht ob solcher Unterstützung. Andererseits bin ich darauf angewiesen: Ein Waschsalon in Eutin? Fehlanzeige. Immer wieder bin ich auf die Gutmütigkeit meiner Mitmenschen angewiesen. Ich komme mir so unselbstständig und abhängig vor wie lange nicht mehr.
“Sie haben einen Schnupfen und eine leicht gereizte Blase”
“Sie sind kerngesund.” Mir fällt eine Last von den Schultern, als der Allgemeinmediziner dies mitteilt. Das Versuchsende steht unmittelbar bevor, ich habe leichte gesundheitliche Beschwerden. “Sie haben einen kleinen Schnupfen und eine leicht gereizte Blase, beides ist vermutlich auf die kalte Wohnung und das kalte Duschen zurückzuführen”, erklärt er. Die Symptome sollen in den kommenden Tagen abklingen.
Aber dieses Wissen genügt mir nicht, ich bohre nach. “Einige Personen aus meinem Umfeld haben befürchtet, ich könnte mir eine Lungenentzündung zuziehen. Ist das Risiko dafür hoch gewesen?” Die Mundwinkel des Arztes ziehen sich in die Höhe, er lächelt. “Nein, unter den Umständen, unter denen Sie gelebt haben, und in Ihrer Verfassung ist eine lebensbedrohliche Erkrankung auszuschließen”, antwortet er. Mit “Umstände” meint er, dass ich tagsüber im warmen Büro arbeite und nicht dauerhaft der Kälte ausgesetzt bin. Zudem sei ich jung, sportlich und ohne chronische Leiden. Daher ergänzt er: “Einem 80-Jährigen würde ich solch ein Leben aber sicher nicht empfehlen.” Mein Besuch beschert ihm eine Premiere, wie sich herausstellt. “Patienten, die ohne Strom leben mussten, habe ich bislang noch nie gehabt”, sagt der Arzt.











