Einsam in Dunkelheit und Kälte

Nach zwei Wochen dem Ende des Selbstversuches kommt hier mein Erfahrungsbericht.

Die Sonne ist schon lange untergegangen, es ist deutlich nach 19 Uhr. Der Redaktionsschluss, der Feierabend, rückt immer näher. Es ist ruhig, keine einzige Stimme ist im Büro zu hören, kein Telefon klingelt. Die Augen der Redakteure sind starr auf die Bildschirme gerichtet, die letzten Zeilen werden getippt, die letzten Texte redigiert. Doch ein Kollege lässt seinen Blick immer wieder durch den Raum und zum Fenster schweifen. Er schaut auf seine Armbanduhr, beißt sich auf die Lippe, kratzt sich am Hinterkopf. Dann blickt er wieder zum Fenster in die Dunkelheit hinaus. Er wirkt unkonzentriert, leicht nervös, gedanklich nicht bei der Sache. Dieser Kollege bin ich.

 Alles ist kalt

Ich finde keine Ruhe, keinen Zugang zu dem Artikel, den ich schreiben soll. Ständig sind sie da diese Gedanken, diese Ängste, diese Befürchtungen in meinem Kopf. Sie lassen sich nicht beiseite schieben, sie lassen mich nicht los, sie hängen wie eine Klette in meinem Gedanken fest und hindern mich an der Arbeit. Es sind immer wieder dieselben Bilder, die mir durch den Kopf schießen: Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie ich am Abend müde nach Hause komme. Ich schließe die Tür auf, es ist dunkel. Mir kommt direkt ein Schwall kalter Luft entgegen, die Wohnung ist ausgekühlt, draußen sind es minus zwölf Grad. Ein Zucken geht durch meinen Körper. Ich drücke auf den Lichtschalter, nichts passiert.

Dann greife ich mir ein Streichholz aus der Schachtel, die auf dem Tisch liegt und zünde eine Kerze an. Mein Atem dampft im Kerzenschein, meine Wangen und Ohren beginnen zu frieren. Ich halte die Kerze nah an das Thermometer, es zeigt sechs Grad an, Kühlschranktemperatur. Es ist kalt. Der Tisch ist kalt, meine Kleidung auf dem Stuhl ist kalt, der Toilettendeckel aus Holz ist kalt. Die Wasserflaschen sind kalt, das Brot ist kalt, die Schuhe sind kalt. Alles ist kalt. Ich finde nichts, woran ich mich ein bisschen aufwärmen kann. Einen Ofen habe ich nicht, dafür ist die Wohnung überhaupt nicht gedacht.

Ich kann mich nicht konzentrieren

Es ist ungemütlich, ich fühle mich nicht wohl. Ich reibe meine Hände aneinander, hauche sie an. Sie werden nicht warm. Mein Verstand sagt mir, dass ich mich bewegen soll, dann produzieren die Muskeln Wärme. Aber ich kann nicht, ich fühle mich wie gelähmt. Jede Bewegung lässt mich noch mehr frieren, an den Händen, im Gesicht, an den Ohren. An den Füßen trage ich dicke Wollsocken, darüber eine lange Thermo-Unterhose und eine Jeans, obenherum ein T-Shirt, einen Pullover und eine gefütterte Herbstjacke. Frieren tue ich nicht, warm ist mir aber auch nicht wirklich. Ich sitze am Küchentisch. Vor mir liegt ein Buch, in der rechten Hand halte ich eine Kerze. Ich sehe auf die geschriebenen Worte, aber sie sagen mir nichts. Wie leere Phrasen ziehen ganze gelesene Absätze an mir vorbei. Ich weiß nicht mehr, was ich zwei, drei Sätze zuvor gelesen habe. Ich kann mich nicht konzentrieren – es ist zu kalt.

Ich mache eine Pause. Meine Füße fühlen sich an, als wäre ich gerade von einem halbstündigen Spaziergang barfuß durch den Schnee zurückgekehrt. Ich spüre, wie die Kälte langsam, fast behutsam von dort die Beine hochkriecht. Auf diesen Augenblick habe ich gewartet, die ganze Zeit schon. Ich weiß, jetzt packt sie mich. Wie ein Geschwür breitet sie sich unaufhaltsam auf den ganzen Körper aus, ich bin machtlos, geschlagen. Ich zittere, nun friere ich am ganzen Leib. Ich stehe auf, gehe durch den Raum, strampel mit Armen und Beinen, hüpfe – alles vergeblich, mir wird nicht mehr warm. An diesem Abend gewinnt die Kälte unseren persönlichen Hase- und-Igel-Wettlauf. Sie gewinnt fast immer

Es ist ein unterträgliches Gefühl

Es ist unerträglich, abends zitternd in der Wohnung zu sitzen. Wie jeden Abend versuche ich, mich irgendwie warm zu halten. Ein anderer Gedanke treibt mich nicht um. Das gewohnte Privatleben existiert nicht mehr, Entspannung für die Seele gibt es nicht. Stattdessen gleicht jeder Tag dem anderen, an Monotonie sind sie nicht zu übertreffen: Mir fehlt das Geld, um auswärtig etwas zu essen, Freunde zu besuchen oder mir neue Kleidung zu kaufen. Umgekehrt will mich niemand besuchen in der Kälte. Auf einen Schlag bin ich vom gesellschaftlichen Leben weitgehend ausgeschlossen. Ich fühle mich zusätzlich bestraft.

Es ist ein unerträgliches Gefühl, bibbernd vor Kälte ins kalte Bett zu schlüpfen. Dann liege ich dort, hellwach, mit zwei Schichten Kleidung am Leib und zittere mich minutenlang warm. Die ersten Nächte versuche ich ohne Schlafsack auszukommen, decke mich nur mit meiner Biber-Bettwäsche zu. Selbst nachts bin ich nicht vor der Kälte sicher. Ich wache mehrfach auf, mein Gesicht ist kalt, die Füße eisig. Auch dicke Socken schützen die Füße nachts nicht ausreichend. Es ist nicht auszuhalten. Erst im Schlafsack mit der Bettdecke darüber bibbere ich nachts nicht mehr.

Jedes Händeschütteln, Waschen oder Tragen schmerzt

Jeden Abend bange ich, ob es mir gelingt, dies zu vermeiden. Etwas anderes beschäftigt mich nach dem Feierabend nicht. Meine Gedanken kreisen nur um das eine: Wie wird mir verdammt nochmal warm? Und zwar jetzt, sofort! Die Tage sind quälend lang. Ich zähle jeden einzelnen Tag, jede einzelne Stunde, bis zum Versuchsende einzeln herunter. Fernseher, Handy, Internet – all das vermisse ich kein bisschen, solange ich friere. Auch kein elektrisches Licht oder eine gekochte Mahlzeit, Hauptsache ich friere nicht mehr, mehr will ich gar nicht. Es ist ein unvorstellbar grausames Gefühl, wenn es am Nötigsten mangelt, wenn die menschlichen Grundbedürfnisse nicht befriedigt sind, nicht allein befriedigt werden können. Mein Gehirn spielt verrückt, es signalisiert mir Existenznöte. Der nackte Kampf ums Überleben hat begonnen, das ist psychische Folter, das ist ungemein brutal und geht an die Substanz. Der ununterbrochene Stress für den Geist zeigt auch äußerlich Wirkung: Poren im Gesicht verstopfen, ich bekomme Pickel, sehe aus wie ein Streuselkuchen. Ich traue mich kaum noch, in den Spiegel zu schauen, ekle mich vor mir selbst. Die Haut meiner Hände trocknet aus, wird porös wie die eines Greises, bekommt Risse und blutet.

Jedes Händeschütteln, Waschen oder Tragen schmerzt. Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst. Ich versuche mich abzulenken, denke daran, dass es vielen Menschen noch deutlich schlechter geht als mir. Doch das hilft nichts, zu sehr ist der Geist auf das eigene Leid fixiert. Schon sehr früh stelle ich fest, ein Leben ohne Strom ist in unserer Gesellschaft menschenunwürdig, nicht zumutbar. An diesem Urteil gibt es für mich bis jetzt nichts zu rütteln.

“Ich habe extra für dich das Wohnzimmer geheizt”

Das ist eine bittere Erkenntnis, aber wenig überraschend: Vor wenigen Tagen noch mangelte es mir an nichts im Leben, plötzlich bin ich in der Bedürfnispyramide ganz unten angekommen. Ich befinde mich im freien Fall. Wie tief falle ich noch? Wann habe ich endlich wieder festen Boden unter den Füßen, die Talsohle durchschritten? Ich weiß es nicht. Diese Ungewissheit ist quälend, schier unerträglich. Wie ein rettender Fallschirm erscheint die Hilfe meines Umfelds, Kollegen und Leser, die Anteil an meinem Schicksal nehmen. Ohne sie wäre ich verloren, würde aufgeben. Ein Kollege lädt mich zu sich nach Hause ein, zum gemeinsamen Fußballschauen. Vom Zeitpunkt der Einladung an, zwei Tage vor dem tatsächlichen Termin, fiebere ich dem Treffen entgegen, wie ein kleines Kind der Weihnachtsbescherung. In mir keimt erstmals Hoffnung auf, dass der körperliche und geistige Verfall fürs Erste gestoppt werden könnte, ich sehe endlich Licht am Ende des Tunnels. Endlich habe ich ein Ziel vor Augen, auf das ich hinarbeiten kann. Ein erster Gipfel, den ich erklimmen kann. Meine Stimmung hellt sich schlagartig auf.

“Ding Dong”, die Klingel hallt durch das ganze Haus. Es ist Sonnabendnachmittag, 15.11 Uhr. Mein Kollege öffnet die Tür, er lächelt freundlich. “Ich habe extra für dich das Wohnzimmer ordentlich mit dem Kamin geheizt”, sagt er. Ich blicke ihn bedröppelt an. Es ist mir unangenehm, dass er sich eigens für mich solche Mühe gibt. Ich betrete das Wohnzimmer. Das Zimmer ist kuschlig warm, es sind bestimmt gut 20 Grad. Im Kamin lodern einige Holzscheite vor sich hin. Ich atme tief durch und merke, wie sich ein warmer Schleier über meinen Körper legt. Mein Herz pocht wie wild, ich bin glücklich.

Ich fühle, wie abhängig ich von der Hilfe anderer bin

Doch meine Freude weicht für einen kurzen Moment, ich bekomme ein schlechtes Gewissen. Plötzlich fühle ich mich wie ein Bedürftiger, dem für einige Stunden ein Obdach gewährt wird. Es klingt verrückt, aber ich spüre, wie sehr ich mich nach diesen Stunden gesehnt habe. Dadurch wird mir klar, wie hilflos und verloren ich ohne die Unterstützung meines Kollegen wäre. Diesen ekstatischen Zustand habe ich ihm und seiner Nächstenliebe zu verdanken. Mein Wohl liegt in seinen Händen. Ich fühle, wie abhängig ich von der Hilfe anderer bin.

“Möchtest du einen Tee?” Die Frage der Frau meines Kollegen reißt mich jäh aus meiner Melancholie. “Ja bitte, das wäre sehr nett.” Mein Herz pocht wieder, ich bin glücklich, die Zweifel sind zerstreut. Der Duft des Tees betört meine Sinne. Es ist das erste warme Getränk seit fast einer Woche. Jeder Schluck ist ein Genuss. Ich habe es mir auf dem Sofa gemütlich gemacht und plaudere losgelöst wie ein Wasserfall mit meinem Kollegen und seiner Familie. Obwohl ich bekennender Fußballfan bin, wird die Sportübertragung im Fernsehen zur absoluten Nebensache für mich, sie ist mir praktisch gleichgültig.

Mein innerer Akku ist wieder aufgeladen

Zum ersten Mal seit der Strom-Abschaltung kann ich mich entspannen, kann meinem von Überlebensängsten stressgeplagten Geist eine Auszeit gönnen. Es ist Urlaub für die Seele, das tut richtig gut. Aber auch der Körper kommt nicht zu kurz. Nach dem Fußball bekomme ich Nudeln mit Bolognesesauce und Parmesankäse serviert. Ich fühle mich wie ein Kaiser, schöner kann es nur im Paradies sein. Hemmungslos schlemme ich drauflos, esse so viel wie ich kann. Ich spüre, wie der Körper instinktiv den Kohlenhydratspeicher als Dämmschutz gegen die Kälte aufladen will. Als ich wenig später wieder gehe, merke ich, wie wohltuend die letzten Stunden waren. Nie zuvor habe ich Gastfreundschaft so zu schätzen gewusst, wie an diesem Tag.

Mein innerer Akku ist wieder aufgeladen. Ohne diesen Energieschub, ohne die Unterstützung meines Kollegen, ohne mein Umfeld, wäre ich innerhalb der nächsten Tage auf der Strecke geblieben. Meine Durchhaltekraft ist schon nach wenigen Tagen am Gefrierpunkt angelangt. Die überwältigende Resonanz von Kollegen, Freunden und vor allem der Leser aus Schleswig-Holstein, die sich persönlich oder über den Blog auf shz.de bei mir gemeldet haben, wirkt wie Balsam für meine Seele. Und die hat es bitter nötig.

“Dürfte ich bei Ihnen meine Wäsche waschen?”

Vier Tage vorher, mein erster Tag ohne Strom: So schlimm ist das doch gar nicht, denke ich morgens. Natürlich ist es ungewohnt, Kerzen statt der Lampe zu benutzen und keinen Tee zum Frühstück trinken zu können. Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, dass mich die stromlose Zeit vor ernsthafte Herausforderungen stellt. Ich bin bester Dinge. Bücher habe ich mir zuhauf besorgt, mit Lesen will ich mir die Abende totschlagen. Irgendwie muss ich ja die Zeit ohne Fernsehen und Internet überbrücken, das ist meine größte Sorge. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich nicht einmal annähernd, wie überflüssig, wie nebensächlich diese Sorgen wenige Tage später für mich sind.

Hochaufgeschossen steht die Frau vor mir an der Haustür, die Arme vor der Brust verschränkt. Ich schätze sie auf Ende 40, das braune, schulterlange Haar trägt sie offen, sie wirkt sehr auf ihr Äußeres bedacht. Ich merke, wie sie mich in Sekundenbruchteilen mit kritischem Blick von oben bis unten mustert. Mir ist mulmig zumute, ich bin peinlich berührt. In meinen Händen halte ich einen blauen Plastik-Wäschekorb, prall gefüllt mit Dreckwäsche. “Guten Tag, ich traue mich kaum zu fragen, aber bei mir zu Hause funktioniert der Strom gerade nicht. Dürfte ich bei Ihnen meine Wäsche waschen?” Die Worte kommen mir schwer über die Lippen. Die Dame blickt mich missbilligend an, hält kurz inne, dann antwortet sie: “Nein, das möchte ich nicht. Außerdem ist unsere Waschmaschine momentan kaputt.” Ich schlucke kurz, dann verlasse ich das Grundstück.

Ein Waschsalon in Eutin? Fehlanzeige.

Ich nehme der Dame ihr Verhalten nicht übel, überhaupt kein bisschen. An ihrer Stelle hätte ich ganz sicher genauso gehandelt, denke ich. Als sie später von meinem Selbstversuch erfährt, erklärt sie sich wie selbstverständlich dazu bereit, meine Wäsche zu waschen. Ihre Maschine ist nicht defekt, das war lediglich eine Ausrede, um mich abzuwimmeln. “Sie sahen nicht ungepflegt aus, deshalb habe ich einen Moment lang gestutzt”, erklärt sie. “Aber einen Wildfremden ins Haus lassen? Nein, das mache ich nicht.” Ich ziehe mit meinem Wäschekorb weiter. Eine andere Frau hätte mich sofort waschen lassen. “Ich habe vor wenigen Monaten einen Bedürftigen an der Haustür abgewiesen, der mich um Geld bat”, erinnert sie sich. Dies bereue sie, zwei Wochen lang habe sie sich deshalb Vorwürfe gemacht.

Ansonsten mache ich bei meinen stichprobenartigen Versuchen fast überall ähnliche Erfahrungen wie bei der ersten Dame. Zunächst stoße ich auf spontane Ablehnung, sobald ich mich zu erkennen gebe, ist die Hilfsbereitschaft überwältigend. Ich bin überrascht ob solcher Unterstützung. Andererseits bin ich darauf angewiesen: Ein Waschsalon in Eutin? Fehlanzeige. Immer wieder bin ich auf die Gutmütigkeit meiner Mitmenschen angewiesen. Ich komme mir so unselbstständig und abhängig vor wie lange nicht mehr.

“Sie haben einen Schnupfen und eine leicht gereizte Blase”

“Sie sind kerngesund.” Mir fällt eine Last von den Schultern, als der Allgemeinmediziner dies mitteilt. Das Versuchsende steht unmittelbar bevor, ich habe leichte gesundheitliche Beschwerden. “Sie haben einen kleinen Schnupfen und eine leicht gereizte Blase, beides ist vermutlich auf die kalte Wohnung und das kalte Duschen zurückzuführen”, erklärt er. Die Symptome sollen in den kommenden Tagen abklingen.

Aber dieses Wissen genügt mir nicht, ich bohre nach. “Einige Personen aus meinem Umfeld haben befürchtet, ich könnte mir eine Lungenentzündung zuziehen. Ist das Risiko dafür hoch gewesen?” Die Mundwinkel des Arztes ziehen sich in die Höhe, er lächelt. “Nein, unter den Umständen, unter denen Sie gelebt haben, und in Ihrer Verfassung ist eine lebensbedrohliche Erkrankung auszuschließen”, antwortet er. Mit “Umstände” meint er, dass ich tagsüber im warmen Büro arbeite und nicht dauerhaft der Kälte ausgesetzt bin. Zudem sei ich jung, sportlich und ohne chronische Leiden. Daher ergänzt er: “Einem 80-Jährigen würde ich solch ein Leben aber sicher nicht empfehlen.” Mein Besuch beschert ihm eine Premiere, wie sich herausstellt. “Patienten, die ohne Strom leben mussten, habe ich bislang noch nie gehabt”, sagt der Arzt.

Geläutert fürs Leben

Einfach herrlich, wie angenehm und entspannend so eine Dusche am Morgen sein kann. Gerade nach dem Ende des stromlosen Lebens tut dies unheimlich gut. Wer jetzt gedacht hat, ich hätte mich wieder der Fraktion der Warmduscher angeschlossen, liegt daneben: Ich habe heute Morgen kalt geduscht – freiwillig!

Druck fällt ab

Zugegeben, bis kurz vorher hätte ich auch nicht gedacht, dass es so weit kommen würde. Aber instinktiv habe ich mich für das Kaltduschen entschieden, mir war schlichtweg danach.

Seit der Selbstversuch um null Uhr in der Nacht zu heute endete, spüre ich jede Sekunde, wie die Last, mich zum stromlosen Privatleben zu zwingen, von mir fällt. Umso überraschter bin ich, welche Auswirkungen das zweiwöchige Experiment auf mein Verhalten direkt nach Versuchsende hat. Das Licht schalte ich nur noch ein, wenn es wirklich nötig ist.

Den Wasserhahn lasse ich deutlich kürzer aufgedreht und benutze vor allem kaltes Wasser. Und die Vorstellung vom kalten Duschen wirkt anziehender auf mich als eine warme Dusche. Heute Morgen habe ich gegenüber der Zeit vor dem Versuch maximal die Hälfte an Strom verbraucht. Der Umgang mit der Energie aus der Steckdose ist deutlich bewusster als noch vor 14 Tagen.

Bewussterer Umgang mit Strom

Wie ich fernsehe, koche oder eben warm dusche – Vorstellungen davon habe ich mir in den letzten Tagen als eine Art Durchhaltestrategie ständig ins Gedächtnis gerufen. Plötzlich, von einer auf die andere Sekunde, lechze ich nicht mehr danach, es ist mir sogar relativ gleichgültig. Unfassbar!

Sicherlich werde ich nicht bis an mein Lebensende dermaßen konsequent und spartanisch mit Strom umgehen. Sicher bin ich mir aber auch, dass mich die Erfahrungen von dem Versuch geprägt haben und ich sie bis an mein Lebensende nicht vergessen werde.

Reif für die Insel

Für die meisten Menschen ist heute ein Montag wie jeder andere – nicht so für mich. Heute ist der letzte Tag meines stromlosen Selbstversuches. Noch immer kann ich mir nicht vorstellen, in wenigen Stunden fernsehen, im Internet surfen oder auf meinem Herd kochen zu können.

Erinnerungen verblasst

In wenigen Stunden ist das Leben ohne Strom beendet. Dann kann ich auch mein Handy wieder in meiner Wohnung aufladen.

Besonders schwer fällt mir die Vorstellung, dass ab morgen wieder warmes Wasser aus meinen Leitungen fließt. Die Erinnerungen, wie entspannend eine warme Dusche sein kann, sind weitestgehend verblasst. Hätte mir dies vor zwei Wochen jemand gesagt, hätte ich ihn für verrückt erklärt.

Und so stehe ich am Morgen in der Duschkabine, blicke zum Duschkopf hinauf und denke voller Genugtuung: „Ein letztes Mal noch, dann ist es vorbei.“ Und das ist auch gut so, denn genießen kann ich die (vorerst) letzte kalte Dusche keineswegs. Zu kalt ist das Wasser, das sich wie Hagelkörner auf der Haut anfühlt.

Kein Zittern mehr am Körper

Als kleines Trostpflaster bleibt mir, dass die Zimmertemperatur dank der wärmeren Witterung um anderthalb Grad angestiegen ist. Das zeigt jedenfalls das Thermometer an. Für die empfundene Temperatur macht es leider keinen Unterschied, ob es sieben, acht oder neun Grad sind: Es war, ist und bleibt kühl.

An jene Kälte hat sich der Körper in den vergangenen Tagen zumindest bedingt gewöhnt. Ich zittere nun nicht mehr am ganzen Leib, wenn ich am Tisch sitze und im Kerzenschein lese oder esse. Das gilt aber nicht für Hände und Füße – sie nehmen in meiner Wohnung weiter Gefrierschrank-Temperaturen an.

Das Ende naht – im wahrsten Sinne des Wortes

Den Nullpunkt erreicht hat auch meine Durchhaltekraft. Zum Aufstehen kann ich mich nicht motivieren, zum Arbeiten auch nicht und zum Lesen erst recht nicht. Der Versuch hat mich vor allem psychisch an den Abgrund gedrängt.

Lediglich der Gedanke an das Ende des Experiments lässt mich heute halbwegs konzentriert zu Werke gehen. Jetzt gilt es bloß noch, die letzten Stunden, Minuten und Sekunden bis Mitternacht abzuwarten. Eines ist gewiss: Ich werde es genießen.

Eisblumen am Badezimmer-Fenster

Gewiss ist es ein ernüchterndes, ja bitteres Ergebnis, aber gegen die Kälte in meiner Wohnung finde ich einfach kein wirksames Mittel. Es ist zum Verrücktwerden. Nicht einmal in meinem dicken Schlafsack bin ich vor der Kälte sicher.

Diese leidvolle Erfahrung musste ich gestern Abend machen. Da helfen auch T-Shirt, Wollpullover und eine Daunendecke über dem Schlafsack zunächst nichts. Erst nach den fast schon obligatorischen fünf Minuten des Warmzitterns kann ich an Schlafen denken.

Wärmekissen hilft vorübergehend

Die Wärmekissen meines Kollegen sorgten zumindest vorübergehend für etwas Wohlfühlatmosphäre.

Dabei habe ich es kurz zuvor geschafft, den Körper für einige Minuten zumindest ansatzweise in eine Art Wohlfühlatmosphäre zu versetzen: Ein Kollege hat mir Wärmekissen ausgeliehen. Die sich darin befindliche Gelmasse erwärmt sich durch das Knicken eines Metallplättchens auf 55 Grad. Nachdem das Kissen abgekühlt war, begann ich erwartungsgemäß wieder zu frieren.

Temperaturen steigen

Auch das erscheint mir nicht sonderlich überraschend, da die Zimmer mittlerweile dermaßen ausgekühlt sind, dass sich kleine Eisblumen an der Innenseite des Badezimmer-Fensters bilden. Die schmelzen tagsüber jedoch, die Temperaturen steigen heute sogar auf einen Grad im Plusbereich. Der Wetterumschwung kommt – endlich!

Monotone Abende

Endlich vorbei ist in der Nacht zu Dienstag auch der Selbstversuch. Die monotonen Abende werden zunehmend quälender. Während sich andere samstagabends im Kino, in der Kneipe oder in der Disco vergnügen, macht es für mich keinen Unterschied, ob es Samstag-, Sonntag- oder Montagabend ist.

Mein Gefühl für die Wochentage ist ähnlich schlecht wie im Urlaub. Gestern Abend freute ich mich sogar innerlich, dass ich heute wieder zur Arbeit darf – bis ich feststellte, dass ich dabei den Sonntag völlig vergessen habe. Offenbar lässt mich der sehnliche Wunsch nach einer warmen Umgebung schon hoffen, dass das Wochenende möglichst schnell enden möge und ich endlich wieder ins Büro zurückkehren darf. Wie gut, dass es morgen soweit ist.

Fünf Grad: Kälte-Rekord im Zimmer

Pünktlich zur Schlussphase der stromlosen Zeit sackt die Außentemperatur noch mal in den Keller: Minus acht Grad sind es heute. Die Zimmertemperatur fällt durch das Lüften auf fünf Grad. Das stellt einen traurigen Kälte-Rekord während des Experiments dar.

Unten rechts ist es abzulesen: An meinem Bett betrug die Temperatur heute Vormittag fünf Grad.

Das Duschwasser ist knapp sieben Grad kalt, auch wenn es mir leicht wärmer vorkommt. Kühler war es bisher nie.

Spaziergang durch Wohnung wärmt auf

Unangenehm ist weniger das Duschen selbst als vielmehr das anschließende Gefühl. Nach dem Abtrocknen fängt das Bibbern erst so richtig an, da die Lufttemperatur in der Wohnung noch kühler ist als das Wasser.

Dann heißt es: Nix wie ab in die Klamotten. Leider sind diese auch nicht wärmer, sodass ich zunächst im Raum auf und ab laufe, um aufzutauen. Abends beim Zubettgehen taucht das Problem erneut auf, dann mit der Schlafkleidung. Allein beim Gedanken an die kalten Klamotten schüttele ich mich innerlich.

Schnee als Sinnbild für Kälte

Nicht gerade erträglicher wird die Situation durch die kräftigen Schneefälle heute. Eigentlich sind die sanft niederrieselnden Flocken schön anzusehen. Doch der Blick auf die weiße Pracht lässt mich derzeit noch mehr frösteln, da sie für mich das Sinnbild für Kälte schlechthin symbolisiert.

Kein Wunder, schließlich sind die Temperaturen seit Beginn des Versuches nicht einmal über den Gefrierpunkt geklettert. Pünktlich zum Ende des Selbstversuches soll sich aber auch dies ändern: Am Mittwoch werden in Eutin Höchstwerte von zehn Grad erwartet – im Plusbereich wohlgemerkt.

Haut wie Schmirgelpapier: Versuch zehrt an der Substanz

Ausgelaugt, saft- und kraftlos schleppe ich mich am Morgen beim Dauerlauf durch den Wald. Richtige Lust auf Sport verspüre ich keine. Auch danach fühle ich mich den Tag über schlapp und müde – das stromlose Leben nagt zunehmend an der Substanz.

Ich kann mich bei der Arbeit nur schlecht konzentrieren. Selbst das Bloggen bereitet mir heute daher ungewohnte Schwierigkeiten.

Handcreme nützt nichts

Auf Kühlschranktemperatur ist meine Wohnung derzeit heruntergekühlt. Daher kann ich diesen weiter als Lagerplatz für Kühlprodukte verwenden.

Dass ich auf dem letzten Loch pfeife, macht sich auch an anderer Stelle bemerkbar: Der Zustand der Haut meiner Hände verschlechtert sich täglich. Sie ist rau wie Schmirgelpapier. An etlichen Stellen ist die Haut eingerissen und blutet, als hätte ich sie mir aufgekratzt.

So schlimm sah sie noch nie aus. Handcreme ist da nur der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein.

Selbst der Effekt eines wärmenden Tees in der kalten Wohnung verpufft nahezu wirkungslos. Das gestern noch angepriesene Dopingmittel hat schneller ausgesorgt als mir lieb ist. Zu allem Überfluss kommt mir die Zimmertemperatur trotz Tee stetig kälter vor, obwohl das Thermometer etwas anderes anzeigt.

Erholungseffekt verpufft

Lecker duftender Weißkohleintopf wird heute beim Mittagstisch serviert.

Der Körper und die Psyche haben der Kälte offenbar immer weniger entgegenzusetzen. Die kurzen Erholungsphasen der vergangenen Tage können die rasante Abwärtsspirale meiner Verfassung nicht bremsen.

Mit diesen Problemen stehe ich gewiss nicht alleine da: Laut einer an den Bundestag gerichteten Petition wird jährlich in hunderttausenden deutschen Haushalten der Strom abgestellt. Acht Menschen sollen an den Folgen gestorben sein.

Da sollte ich eigentlich froh sein, dass ich in drei Tagen wieder Strom habe. Die Zeit bis dahin erscheint mir wie eine Ewigkeit.

Zuspruch hilft zunächst

Wie gut, dass der soziale Mittagstisch der Kirchengemeinde ein wenig Abwechslung bietet. Es gibt Weißkohleintopf und etliche Gespräche mit den Teilnehmern obendrauf. „Herr Käfer, ich leide mit Ihnen“, sagt eine ältere Dame zu mir. Bis dahin habe ich sie noch nie gesehen. Solch herzliche Worte tun ungemein gut und muntern mich zumindest kurzfristig auf. Langfristig hilft nur noch das Warten auf Dienstag.

Tee-Doping für den Körper

Jeden Tag aufs Neue ist es nach einer Woche ohne Strom erstaunlich und spannend zu beobachten, wie mein Körper auf die Umstände reagiert. Selbst für mich ist es wie Glücksspiel: Ich weiß zu (Tages-)Beginn nie, wie das Ergebnis ausfällt.

Das “Zwiebelprinzip” bei der Kleidung: Das geliehene Funktionshemd meines Kollegen…

Zu Wochenbeginn war ich überzeugt, mich an die Kälte gewöhnt zu haben, gestern erfolgte der Rückzieher und ich glaube auf dem Zahnfleisch zu kriechen. Aber auch dieses Empfinden stellte sich gestern Abend als Trugschluss heraus. Ein warmes Getränk bewirkt manchmal kleine Wunder.

Gaskocher bezweckt Wunder

Über dessen folgenreiche Wirkung in einer kalten Umgebung habe ich mir bis dato noch nie ernsthaft Gedanken gemacht. Wie gut, dass ich mir nach der Arbeit mit meinem Gaskocher einen Tee zubereiten kann.

Der entfaltet sogleich eine verblüffend belebende Wirkung auf meinen Körper, eine Art legales Doping. Es fühlt sich an, als sei meine körpereigene Heizung wieder angesprungen, die mich von innen wärmt. Die empfundene Körpertemperatur steigt um mehrere Grad.

Bei dem Effekt gönne ich mir einen zweiten Tee. Und siehe da, ich habe den ganzen Abend nicht gefroren. Das ist mir äußerst suspekt.

…streife ich mir über, denn das wärmt wunderbar den Oberkörper.

Seelenruhig lese ich Zeitung, umgeben von sieben Kerzen. Ich bin in böser Vorahnung auf die Kälte. Sie unterwandert bestimmt jeden Moment ohne Vorwarnung meine Kleidung. Tut sie aber nicht, ich bin perplex.

Der Ehrlichkeit halber muss ich ergänzen, dass ich mich in vier Schichten Kleidung  eingepackt habe.

Kaltes Büro, kein Problem

Am Morgen ist der Wärme-Effekt schon wieder verpufft. Schlotternd schleppe ich mich ins Bad. Mir ist genauso kalt wie die letzten neun Tage, den gestrigen Abend mal ausgenommen. Der inneren Heizung ist offenbar die Energie ausgegangen.

Und vor dem Feierabend ziehe ich mir noch eine lange Unterhose unter die Jeans.

Tee habe ich mir dennoch nicht gekocht, das Gas ist rationiert. Das  ist aber halb so wild, zum Wachwerden ist eine kalte Dusche ohnehin besser geeignet. Nicht so für meine Füße: Die dortige Muskulatur zieht sich durch das kalte Wasser zusammen. Mit letzter Mühe kann ich einen Krampf verhindern. Umso mehr freue ich mich auf die warme Redaktion zum Auftauen. Zu früh gefreut, heißt es kurze Zeit später.

Als ich mir im Büro die Jacke ausziehen will, sagt eine Kollegin zu mir: „Christoph, lass’ die Jacke an, hier ist die Heizung ausgefallen.“

Sie hat sich ihre Winterjacke über die Beine gelegt, andere sitzen leicht bibbernd ebenfalls in Jacken gehüllt vor ihren Computern. Nur ich nicht. Ich finde die Temperatur äußerst angenehm, verglichen mit der in meiner Wohnung. Wer hätte gedacht, dass sich der Selbstversuch im Alltag so schnell bezahlt macht.

Kriechen auf dem Zahnfleisch

So kann man sich täuschen: Da habe ich am Montag doch ernsthaft geglaubt, ich hätte mich schon an die Kälte gewöhnt – von wegen: Selbst mehrere Schichten Kleidung helfen dauerhaft nicht.

Sobald ich einige Minuten sitze, beginnen meine Füße zu frieren. Anschließend wandert die Kälte zügig in die Hände, in das Gesicht und von dort aus in den Rest des Körpers. Immerhin habe ich es geschafft, mehr als eine Stunde lang zu lesen, bevor das Zittern zu stark wurde.

Körperpflege im Zeitlupentempo

Selbst das Duschwasser kommt mir immer kälter vor. Doch das Thermometer zeigt noch zehn Grad Wassertemperatur an.

Das Leben unter diesen Umständen erfordert ein starkes Durchhaltevermögen und zehrt unaufhörlich an meiner mentalen Kraft. Tag für Tag, immer ein kleines bisschen mehr. Langsam, aber sicher spüre ich, wie sich mein innerer Akku dem Ende zuneigt.

Hhmmm, das riecht aber lecker: Gleich gibt es Grünkohl mit Wurst bei einem Redaktions-Kollegen zu essen.

Mein Wille bröckelt allmählich. Ich krieche auf dem Zahnfleisch. „Wieso tust du dir diese Quälerei immer noch an?“, frage ich mich nach dem Aufstehen.

Die Kälte ist in den eigenen vier Wänden auf Dauer unerträglich, geradezu unzumutbar in unserer Gesellschaft.

Durchgefroren wie ich bin, dauert die Körperpflege beinahe doppelt so lange wie üblich. Alle Bewegungen laufen nur im gefühlten Zeitlupentempo ab, da der Körper die Energie zur eigenen Wärmeproduktion verwendet. Jede vermeidbare Bewegung unterlasse ich automatisch.

Warmer Bus statt kaltes Rad

Es riecht nicht nur gut, es schmeckt auch so. Endlich gibt es mal wieder ein warmes Essen.

Die Rückfahrt mit dem Fahrrad verlief gestern Abend übrigens ohne Zwischenfälle. Daher wollte ich heute Morgen wieder auf das Rad zurückgreifen. Aber nach den fröstelnden Stunden in der Wohnung entscheide ich mich am Morgen kategorisch dagegen.

Die 1,70 Euro für die Busfahrkarte sind es mir wert, auch wenn mir damit wieder Geld von meinem knappen Budget verloren geht. Allein schon der Gedanke, den kalten Temperaturen noch länger ausgesetzt zu sein, genügt für den Entschluss zugunsten des Busses.

Ein besonders bitterer Moment ist am Mittag, als ich an einer Imbissbude vorbeigehe und durch die Glasscheibe spähe. Ich beobachte einen Mann beim Zubereiten eines Döners.

„Lecker, so einen würde ich mir jetzt auch gern gönnen“, schießt es mir durch den Kopf. Pustekuchen, das bleibt ein Hirngespinst, denn diesen Luxus kann ich mir derzeit nicht leisten. Stattdessen muss ich sofort an all die Menschen denken, denen es in Deutschland dauerhaft so geht.

Schlemmerfest am Mittag

Wie gut, dass mich ein netter Redaktions-Kollege zum Mittagessen zu sich nach Hause einlädt. Es gibt Braunkohl mit Wurst, Fleisch, Kartoffeln und Roter Beete, danach Eis – welch Schlemmerfest für mich.

Endlich kann ich mir mal wieder ungehemmt den Bauch vollschlagen, ohne mich sorgen zu müssen, ob mein Tages-Budget überschritten wird.

Diese kleinen Gesten seitens meines Umfeldes wirken sich unheimlich belebend auf meine mentale Verfassung aus. Wie es um diese ohne die gelebte Nächstenliebe bestellt wäre, mag ich mir gar nicht vorstellen.

 

Voller Scham zur Tafel

Moderne Folter sieht anders aus, aber ein Vergnügen war der Heimweg gestern Abend von der Redaktion ins kalte Heim nun auch nicht gerade: Es ist 23.45 Uhr. Stressgeplagt, müde und daher ohnehin leicht fröstelnd stapfte ich über schneebedeckte Bürgersteige zu Fuß nach Hause.

Der letzte Bus fuhr gegen 19 Uhr. Ich ging extra an der Straße entlang in der Hoffnung, dass mich ein vorbeifahrendes Auto ein Stück mitnehmen kann. Doch Fehlanzeige, nicht ein Pkw ist weit und breit zu sehen.

Erste warme Nacht im kalten Schlafzimmer

Wenigstens kann ich mich in meiner Wohnung warm eindecken. Zwei Lagen Kleidung, ein Schlafsack und darüber die Bettdecke lautet mein Erfolgsrezept für eine warme Nacht. Erstmals seit einer Woche kann ich in meiner Wohnung durchschlafen, ohne von der Kälte geweckt zu werden – ein tolles Gefühl.

Der Salat und die Wassermelone von der Tafel schmeckten ausgezeichnet.

Weniger angenehm sind dagegen die Konsequenzen der Geldnot: Da sich mein Etat für die zwei Wochen dem Ende zuneigt, kann ich mir frische Produkte, wie Obst und Gemüse, derzeit schlicht nicht leisten.Also bin ich heute mit einem durchaus mulmigen Gefühl zur Tafel gegangen. Dort gibt es vor dem Gebäudeeingang Kisten mit abgelaufenen Lebensmitteln,  die selbst die Tafel nicht mehr verwendet. Sie sind für jedermann verfügbar.

Trotzdem schäme ich mich ungemein. Ich fühle mich geradezu gedemütigt, auf solche Almosen angewiesen zu sein.

Fahrradsturz im letzten Moment abgewendet

Als ich das Grundstück betrete, hoffe ich instinktiv, dass mich niemand dabei sieht. Ich werfe einen kurzen Blick durch das Fenster. Niemand im Gebäude scheint mich wahrzunehmen. Ich schnappe mir schnell ein Stück Wassermelone und einen Blattsalat mitsamt Dressing. Danach suche ich umgehend das Weite.

Noch vor einer Woche hätte ich niemals für möglich gehalten, dass es einmal soweit kommen würde.

Das gilt auch für das Fahrradfahren bei diesen Witterungsbedingungen. Bei den teilweise arg glatten Straßen ist mir das Radfahren zur Arbeit eigentlich viel zu gefährlich.

Tatsächlich aber zwingt mich seit heute mein klammer Geldbeutel dazu. Schon nach knapp 100 Metern stürze ich beinahe, als mein Hinterrad beim Bremsen auf festgefahrenem Schnee wegbricht.

Zum Glück bleibt dies die einzige Panne auf dem Weg zur Redaktion. In wenigen Minuten steht mir der Rückweg bevor, ich bin schon gespannt, ob ich unversehrt heimkehre.

Aufgeschmissen ohne Auto

Was der Herr von der Reinigungsfirma heute Morgen dachte, als er um 6.34 Uhr das Redaktionsbüro betrat, wüsste ich nur zu gern.

Normalerweise ist der Raum dann komplett dunkel und menschenleer und er kann in Ruhe sauber machen.

Aber nicht heute. Da ist der Raum hell erleuchtet, ich sitze ungewaschen an meinem Schreibtisch und lese in aller Seelenruhe Zeitung. Mein Langarmshirt klebt zerknittert an meinem Oberkörper. Ich sehe ziemlich ungepflegt aus. Und so fühle ich mich auch, fast wie ein Obdachloser. Ich schäme mich, als mich der Mann sieht.

Zweite Nacht in der Redaktion

Das Zwiebel-Prinzip kommt bei der Kleidung zum Tragen bei sechs Grad Zimmertemperatur.

Gestern Abend wurde es dann doch etwas später bei der Arbeit, sodass ich kurzerhand beschloss, in der Redaktion zu schlafen. Alternativ hätte ich den knapp fünf Kilometer langen Heimweg hundemüde mitten in der Nacht zu Fuß bewältigen müssen.

Die bequeme Alternative dazu, mein Auto, steht mir während des Selbstversuches nicht zur Verfügung. Dumm gelaufen nennt man so was wohl.

Das machte aber nichts, schließlich war die aufklappbare Matratzenunterlage noch von der Übernachtung tags zuvor in der Redaktion.

Und im Büro ist es warm genug, sodass man auch ohne Schlafsack gemütlich nächtigen kann. Bevor ich am nächsten Morgen unausgeschlafen nach Hause wanderte, las ich noch ein wenig in der Zeitung zum Wachwerden.

Kaltes Duschen als purer Genuss

Ich spüre schmerzlich, wie hilflos und aufgeschmissen ich ohne Auto bin.

Dem dreiviertelstündigen Fußmarsch am frühen Morgen kann ich dann doch etwas Gutes abgewinnen. Als ich durchgefroren an der Wohnung ankomme, empfinde ich meine Zimmertemperatur von sechs Grad als richtig angenehm; die anschließende kalte Dusche sowieso.

Was für viele unvorstellbar klingt, ist bei mir tatsächlich eingetreten: Innerhalb einer knappen Woche habe ich mich nicht nur an das kalte Duschen gewöhnt, ich genieße es sogar richtig. Bis vor wenigen Tagen hätte ich daran nicht einmal im Traum zu denken gewagt.

Das Herz-Kreislauf-System kommt durch das kalte Wasser hervorragend in Schwung und ich fühle mich voller Tatendrang.

Sechs Euro pro Tag zum Überleben

Überhaupt habe ich mich mit dem stromlosen Leben recht gut arrangiert: Einen Gaskocher habe ich mir gekauft und meine dicksten Kleider aus dem Schrank hervorgekramt.

Der Körper gewöhnt sich allmählich an die geringere Zimmertemperatur, wenngleich diese nach wie vor nicht angenehm ist. Von einem Leser habe ich zudem Tipps zum Kochen ohne Strom mitsamt entsprechenden Rezepten bekommen.

Letzte Woche noch stieg der pure Neid in mir empor, als ich durch Wohngebiete ging und die hell erleuchteten Zimmer in den Häusern sah. Selbst dieser Anblick lässt mich mittlerweile kalt.

Dafür geht mir das Geld langsam aus: Von meinem 150-Euro-Budget für die zwei Wochen, welches ich mir vom Hartz-IV-Satz abgeleitet habe, verbleiben mir lediglich 43 Euro für die übrigen Tage des Experiments.

Das ist erschreckend wenig, zumal ich seit Beginn des Versuches ohnehin schon sehr sparsam lebe. Alles  Jammern hilft aber nichts. Nun gilt es, mit noch weniger Geld hauszuhalten.